Dompfarrer Giselher Quast | 01.06.2008

Domprediger Giselher Quast, Schirmherr von PRO ELBE, erteilt nach der Elbtaufe den Elbsegen
2. Sonntag nach Trinitatis, Jes. 55, 1-5
Liebe Taufeltern, liebe Freunde der Elbe, liebe Schwestern und Brüder !
Es ist riskant, ein Kind wie den kleinen Leon in die Kirche Jesu Christi hineinzutaufen. Denn diese Kirche ist provokativ – wie Jesus Christus selbst. Diese Kirche lässt sich nicht den Mund verbieten – wie die Propheten. Diese Kirche schreit Wahrheiten heraus – wie sie es von Jesus und seinem himmlischen Vater gelernt hat. Ja: Schreien!
Auf dem auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem störte Jesus die heiligen Zeremonien, indem er sich hinstellte und laut schrie :“Wen da dürste, der komme zu mir und trinke.“ Und er war sich sicher, sein Vater im Himmel hätte genau so geschrien, wenn die Leute nur noch mit sich selbst beschäftigt wären.
Der Prophet Jesaja lässt Gott bei seiner Botschaft wie einen Marktschreier auftreten: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und der ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst!“
Gott als Marktschreier, eine Wahnsinnsidee! Und eine Provokation. Denn hoffen wir nicht immer, Gott würde dieser ganzen Welt der Werbung und Schnäppchen, der Konkurrenz und des Kommerz etwas ganz anderes entgegensetzen? Aber Gott begibt sich auf dieses Terrain. Und er schreit noch lauter als die anderen!
„Kommt her zum Wasser, alle, die ihr durstig seid!“
Kommt her zur Elbe, alle, die ihr Sehnsucht habt nach Natur und Unverfälschtheit! Kommt her ans Ufer, kommt in die Elbauen, kommt an die weißen Sandstrände, die der Elbe ihren Namen gegeben haben: „Ich will Euch mit Köstlichem laben!“
Schreien für das Wasser, schreien für die Elbe, schreien für das Leben- wir tun nichts anderes, als Gott selbst, als Jesus von Nazateth, wenn die Bürgerinitiative „Pro Elbe“ Aktionen am Fluss macht, wenn die Domgemeinde wie heute ihre Lautsprecher aufstellt. Aufmerksam machen für das einmalige Angebot, das hier zu unseren Füßen rauscht; werben für das kostbare Nass, das durch unsere Stadt fließt – der größten Hitze zum Trotz!
Noch viel zu leise sind unsere Stimmen, noch viel zu klein unsere Plakate, noch viel zu unauffällig unsere Aktionen – denn es geht um das Leben, das Gott uns anbietet, es geht um das Einmalige, was Gott gegen Kommerz und Konsum setzt, es geht um das Unverkäufliche, was Gott uns aus seiner Liebe schenkt: „Kommt her zum Wasser, die ihr durstig seid! Und die ihr kein Geld habt, kommt her und kauft umsonst!“.
Liebe Gemeinde, das ist die nächste Provokation: der Marktschreier Gott unterbietet nicht nur die Konkurrenz. Er macht sein Lebensangebot umsonst: Alles umsonst, kostenlos, geschenkt: Das Leben des kleinen Leon, unser Leben, diese Erde – und die Elbe! Der letzte große frei fließende Fluss – umsonst. Die Schönheit der Elbe – umsonst. Die Elbauenwälder, Biber, Wollhandkrabben – umsonst. Erholung – umsonst. Und Erwerbsquellen am und auf und mit dem Fluss – umsonst!
Die Elbe ist ein ungeheures Geschenk! Wir haben die Elbe nicht gemacht. Wir haben sie höchstens kaputt gemacht und lernen es wieder mühsam, sie zu bewahren. Und lernen, dass man auch für Geschenke verantwortlich ist vor dem Schöpfer und Schenker. Unser Land und seine Politik wollen die Elbe vermarkten. Aber wenn der Marktschreier Gott sagt: Alles umsonst, alles kostenlos, alles geschenkt – dann ist das das Ende des Marktes, das Ende des Profits, das Ende des Konsums!
Was Gott zu bieten hat, ist ohnehin unbezahlbar: Ein gesundes Kind, eine glückliche Familie, ein Glaube, der wachsen kann und trägt, ein Land im Frieden – nichts davon haben wir verdient. „Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst du nicht für Geld“ sang Udo Jürgens einmal. Und deshalb fragt Gott, mahnt Gott, schreit Gott weiter auf dem Markt: „Warum zahlt ihr Geld für das, was nicht satt macht, und sauren Verdienst für das, was nicht dem Leben dient?“. Warum, Herr Minister Daehre, meine Herren vom Binnenschifffahrtsamt, geben sie Geld aus für das, was nicht satt macht und sauren Verdienst für das, was nicht dem Leben dient?
Warum Herr Minister Daehre, meine Herren vom Binnenschifffahrtsamt, geben sie Geld aus für Investitionen, die keinen Erfolg bringen? Warum zahlen sie Millionen für eine Wirtschaftlichkeit, die nicht gegeben ist und nach den Verkehrsprognosen auch nicht zu erwarten ist? Warum investieren sie in die Elbevertiefung, wenn statt der Europaschiffe mit ihrer maßlosen Tauchtiefe auch flachgehende Schiffe auf der Elbe fahren könnten? Warum kippen sie das Geld in die Elbe, wenn es an anderer Stelle in unserem Land dringend gebraucht wird? Wrum zählt ihr sauren Verdienst, mühsam erwirtschaftete Steuern für das, was nicht satt macht? Nicht dem Leben dient?
„Hört doch auf mich, so werdet ihr Euch am Köstlichen laben“, ruft der Marktschreier Gott. Hört, so werdet ihr leben.“
Die Stimme seiner Propheten wurde verfolgt und mundtot gemacht. Die Stimme einer Kirche oder Bürgerinitiative muss sich Angriffe und Beschimpfungen gefallen lassen – wir haben es in Leserbriefen der Volksstimme oft vernommen. Und trotzdem erheben wir diese Stimme, die Stimme für die Bewahrung der Schöpfung und für Gerechtigkeit auch der Natur gegenüber. „Hört doch auf uns, so wird die köstliche, kostbare Elbe uns weiterhin laben – und unsere Kinder werden sich auch noch an diesem Fluss freuen.
Denn ein Fluss ist kein Nutzgegenstand, er hat sein eigenes Leben. Abgenutzt kann dieser Fluss niemandem mehr zum Leben dienen. Wir haben es zu DDR-Zeiten erlebt. Geschottert, betoniert, vertieft dient er auch niemandem mehr zum Leben. Anderswo werden die kanalisierten Flüsse bereits wieder zurückgebaut. Es ist an der Zeit, dass wir wieder nach dem Leben fragen müssen – nicht nur nach dem Nutzen.
Liebe Tauffamilie, liebe Gemeinde! Wir geben heute an Leon eine große Verantwortung weiter, die Verantwortung für das Leben, für die Welt, die keinem Getauften und keinem Menschen mit einem Gewissen egal sein darf.
„Einmal wird uns gewiss
die Rechnung präsentiert“,
schreibt der Dichter Lothar Zenetti,
„Für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
und die Schmetterlinge
für die Luft,
die wir geatmet haben,
und den Blick auf die Sterne,
für all die Tage,
die Abende und die Nächte.
Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen und
bezahlen.
Bitte die Rechnung.
Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt er und lacht,
soweit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!“
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