aktualisiert am Montag, 20 Juni, 2011

Aktuell Medien-Echo

Hintergrund

Archiv Links Kontakt

19.06.11 | Mitteldeutsche Zeitung - MZ | VON KAI GAUSELMANN

Der Bypass-Streit

"Dann bekommt die Region endlich Anschluss an das deutsche Wasserstraßennetz", sagt der Stadtwerke-Chef und lächelt. Und wenn er gebaut wird, der Saale-Kanal? "Dann werde ich Inselkönigin, und wir führen Brückenzoll ein", sagt die Bürgermeisterin lachend. "Dann schäme ich mich für dieses Land Sachsen-Anhalt", sagt der Naturschützer und schaut finster.

Stadtwerkechef kann nicht zaubern

Rabenschwarzes Haar, Jungengesicht - Matthias Lux sieht ein bisschen aus wie der Onkel von Harry Potter. Es wäre nicht schlecht, wenn der 44-Jährige Chef der Stadtwerke Halle zaubern könnte. Dann müsste er vielleicht jetzt nicht auf dieses 37 500 Quadratmeter große Nichts schauen. 750 mal 50 Meter, gesäumt von rostbraunen Spundwänden, darin nur Saalewasser. Ein trauriger See, ein verwaistes Hafenbecken. Die Anlage im halleschen Ortsteil Trotha ist eine bundesweit bekannte Stadtansicht. Kein Bericht über Steuerverschwendung kommt ohne die 30-Millionen-Investition aus. Das letzte Schiff hat hier vor sechs Jahren Ladung gelöscht. Doch am 29. Juni ist der Hafen ein echter Hafen, für einen Tag. Ein Schiff wird kommen. Es bringt eine Turbine für das Heizkraftwerk auf dem Hafengelände.

Das Ziel wurde gebaut, bevor der Weg fertig war. Zwischen Halle und Calbe können Güter-Binnenschiffe problemlos schippern, doch dann wird es eng. Die letzten Kilometer bis zur Elbe ist die Saale nicht ausgebaut und führt meist zu wenig Wasser für Binnenschiffe. Der Saale-Kanal als eine Art Bypass würde abhelfen.

"Der Hafen ist da, wir machen etwas daraus", sagt Lux tapfer. Die Hafen-Gesellschaft ist eine Tochter seiner Stadtwerke. Deshalb muss Lux nun das Elend verwalten. Er formuliert es positiver: "Wir haben angefangen zu optimieren." So ist der Hafen in Wahrheit ein Gewerbegebiet mit Güterbahnhof und Saaleblick. Es wird Fracht vom Lkw auf den Zug und umgekehrt verladen. Container lagern auf dem Gelände, Ferraris flitzen zwischen ihnen hin und her. Das ist nicht der Gipfel der Steuerverschwendung, die XXL-Gabelstapler heißen nur wie die italienischen Sportwagen.

Außerdem haben sich zwei Betriebe angesiedelt, zwei weitere sollen in diesem Jahr folgen. Es tut sich etwas, aber längst nicht genug. Die aktuellen Hafen-Verluste stehen noch nicht fest. 2009 waren es fast 600 000 Euro, davor fast 900 000 Euro. Der Hafen ist das Sorgenkind des kommunalen Konzerns. "Was heißt Sorgenkind, es ist eine Infrastruktur, mit der wir Verluste machen", sagt Lux. Er muss mit Blick auf das leere Hafenbecken schließlich kapitulieren: "Gut, wenn Sie wollen, nennen Sie es Sorgenkind." Denn alles Ferrari-Flitzen, alles Verladen von Containern hilft am Ende nichts. "Damit werden wir es nicht schaffen, den Schiffsverkehr zu ersetzen", räumt Lux ein. Aber wenn der Kanal kommt, ja dann soll es brummen. Die Hafen-GmbH sagt Schiffstransporte von bis zu 2,8 Millionen Tonnen pro Jahr voraus.

Ein Dorf arrangiert sich

80 Flusskilometer weiter hat Regina Grube für Lux Verständnis. "Wir wollen nicht als Wirtschaftsverhinderer dastehen", sagt die 57-Jährige. Die Christdemokratin ist die Ortschaftsbürgermeisterin von Tornitz, das zu Barby gehört. Sie steht auf einem Saale-Deich, fährt mit dem Finger über den Horizont, zeigt den geplanten Verlauf des Kanals. Tornitz mit seinen 580 Einwohnern wäre dann von Kanal und Saale umschlossen - und das Zentrum Sachsen-Anhalts eine Insel. Tornitz ist die geographische Mitte des Landes.

"Unsere einzige Verbindung zum Festland wäre dann eine Brücke." Grube sagt das entspannt. Eigentlich wollen die Tornitzer den Kanal nicht. Am Dorfeingang grüßt noch das Schild "Saalekanal. Warum?" Aber die Farbe platzt ab, Widerstand war gestern. "Wir können den Kanal nicht verhindern, uns geht es um das kleinere Übel", so Grube. Deshalb sei jetzt wichtig, dass mit dem Kanal ein Vorfluter und ein Pumpwerk gebaut werden. Damit würde verhindert, dass die Tornitzer nasse Füße bekommen. Durch den Kanal und die Insellage könnte das Grundwasser unter Tornitz nicht mehr frei abfließen - und in der ohnehin von Hochwasser bedrohten Gegend die Keller volllaufen. Wenn das verhindert wird, können die Tornitzer laut Grube mit dem Kanal leben.

Selbst Fritz Didicke. Der Kanal würde über drei bis vier Hektar Land des 65-Jährigen verlaufen. Ihn lockt die Aussicht auf den Erlös nicht. "Das Land gehört meiner Familie seit sechs Generationen. Ich will das eigentlich weitergeben. Aber wenn man nicht verkauft, dann wird man ja enteignet", sagt der Rentner. So will er sich also fügen.

Bürgermeisterin Grube hat auch schon Ideen für eine touristische Nutzung der Insel Tornitz. Einen Kiessee könnte man mit Saale oder Kanal verbinden und eine Marina bauen. Eine konstruktive Haltung, die sich die Landespolitik nicht verdient hat. "Minister? Nein, Minister waren wegen des Kanals noch nicht hier", so Grube.

E-Mails mit "Flussgruß!"

Mit Ernst-Paul Dörfler haben sich die Landespolitiker hingegen schon ausgiebig beschäftigt. "Ich bin das Feindbild. Ich werde hart rangenommen." Der hagere 61-Jährige mit der sonnengebräunten Haut hat einst die Ost-Grünen mitgegründet. Dörfler fasst man aber nicht über Fakten. Dörfler sieht ein lebendiges Wesen. "Es gibt keine zweite Landschaft, die so lebendig ist wie ein frei fließender Fluss. Er ist jeden Tag anders." Und in so einem Fluss zu baden, das sei wie eine Sucht. Nur folgerichtig, dass der Naturschützer seine E-Mails mit "Flussgruss!" beendet.

Dörfler ist der größte Gegner des Kanals. Und wenn man mit ihm darüber sprechen will, muss man in sein Viermann-Schlauchboot klettern. Sobald es dann über die Saale in Richtung Elbe schaukelt, erklärt er auch warum. "Wenn man erstmal hier drin auf dem Fluss sitzt, kann man nicht mehr weg und muss mir zuhören", sagt er und grinst schelmisch.

Es ist seine Überzeugungstour. Dörfler zeigt, was die beiden Flüsse zu bieten haben. "Da, eine Fluss-Seeschwalbe! Was ganz Besonderes, die fliegt 8 000 Kilometer ohne aufzutanken." Dörfler kennt die Geheimnisse der Flüsse, verrät sie aber nicht alle. Klar gebe es heimische Sumpfschildkröten hier, ganz in der Nähe. Wo genau? Da lächelt Dörfler nur und schweigt. Man kennt sich ja schließlich erst seit zwei Stunden.

Was nicht heißt, dass Dörfler einsilbig wäre. Er feuert Argumente gegen den Kanal im Minutentakt ab. Und wenn er auch anders auf den Fluss schaut, er kann die Sprache von Stadtwerke-Chef Lux: Redet von Tonnagen, Wasserständen, Investitionskosten, Infrastruktur. "Nach 20 Jahren Kampf für die Flüsse weiß ich, dass am Ende nicht die Ökologie zählt. Man muss ökonomisch argumentieren."

Seine größte Angst ist, dass der Saale-Kanal nur der erste Schritt sein könnte. "Nach dem ersten Spatenstich kommen sofort die Forderungen, die Elbe zu vertiefen." Denn diese führe meist zu wenig Wasser für die Binnenschiffe. Während unserer Tour liegt der Pegel Barby bei gut einem Meter. Die großen Europaschiffe mit 1 000 Tonnen Ladung brauchen mindestens 2,50 Meter, Schubverbände immerhin 1,60 Meter Wassertiefe. Unseren Weg kreuzt nur die Elbfähre Barby. Und ein Angler mit einem schlimmen Sonnenbrand und einem Schlauchboot in Schwimmring-Größe.

Und wenn er nicht gebaut wird, der Saale-Kanal? "Dann sitzen wir auf einer Infrastruktur, die wir nicht für ihren eigentlichen Zweck nutzen können", sagt Matthias Lux finster. "Dann ist das gut. Uns wäre es ja am liebsten, wenn er nicht kommt", sagt Regina Grube. "Nach 20 Jahren Kampf für dieses Naturerbe wäre ich riesig erleichtert", sagt Ernst-Paul Dörfler und lächelt.


in der gleichen Ausgabe: Saale ohne Kanal?

Für den Saale-Kanal wird es immer enger. Laut Bundesverkehrsministerium sollen neue Ausbaumaßnahmen an Flüssen und Kanälen im Osten zurückgestellt werden.

 

…zur Übersicht

…zum Original

…zur Übersicht

impressum