20.05.11 | Mitteldeutsche Zeitung
Coswig/dapd. Geräuschlos gleitet das Schlauchboot durch das braungrüne Wasser. Am Himmel kreisen zwei Milane. Biber-Pfade säumen die Ufer. Dahinter erstreckt sich kilometerweit der größte noch erhaltene Auenwald Mitteleuropas. «Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich ist vielleicht die kostbarste Flusslandschaft Deutschlands», sagt der Leiter des Elbprojekts beim Bund Umwelt und Naturschutz (BUND), Ernst Paul Dörfler. Durch die neue Einstufung der mitteldeutschen Flüsse in Neben- und Restwasserstraßen hofft er nun, große Teile der Flusslandschaften wieder renaturieren zu können.
Das Paddel hat Dörfler auf den Schoß gelegt. Nur zur Kurskorrektur braucht er es. Das Boot gleitet zügig durch das Wasser. Die Strömung ist schnell. «Und genau das ist das Problem», sagt Dörfler. Die Elbe sei für die Schifffahrt Jahrhunderte lang verengt und einem Flussbett zugewiesen worden, das sie sich auf natürliche Weise nicht gesucht hätte. Dadurch habe die Fließgeschwindigkeit extrem zugenommen. Die schnelle Strömung trage den sandigen Boden ab, was wiederum zur ständigen Vertiefung des Flussbetts führte. «Die Folge ist, dass den ufernahen Wäldern das Wasser abgegraben wird und die Hochwassergefahr steigt», sagt Dörfler.
Menschenleere Artenvielfalt
Während er erzählt, unterbricht er sich immer wieder: «Da! Haben sie gehört», fragt er seine Mitreisenden dann. «Ein Wendehals. Der Vogel des Jahres 1988», sagt er nach ein paar Sekunden oder «Ein roter Milan, vom Aussterben bedroht. Es gibt sie praktisch nur noch hier.» Auch einen Seeadler, den größten in Mitteleuropa vorkommenden Vogel, sichtet er auf einer Baumkrone.
Neben den Vögeln ist auf der rund neun Kilometer weiten Fahrt aus dem anhaltischen Coswig nach Vockerode nur der Wind in den Bäumen zu hören. Kein Haus, kein Mensch, kein Strommast ist am Ufer zu sehen. Auch auf dem Wasser kann auf der dreistündigen Fahrt nur ein Kanute gesichtet werden.
Nur die Kilometerschilder erinnern daran, dass der Fluss immer noch eine Bundeswasserstraße ist. 1913 wurden hier laut Dörfler noch 18 Millionen Tonnen Frachtgut verschifft. In den vergangenen Jahren seien die Raten unaufhaltsam gesunken. 2011 war es nur noch eine Million Tonnen. Da die Wasserstände in der Elbe nicht berechenbar seien und Fahrten demnach kaum planbar, lohne sich die Beschiffung des Flusses nicht, sagt er.
Wirtschaft fordert Ausbau
Teile der regionalen Wirtschaft Sachsen-Anhalts sehen das jedoch anders. Seit Jahren gibt es die Forderung, die Elbe aufzustauen und so eine ganzjährige Schiffbarkeit des Flusses zu garantieren. Entsprechend empört fiel die Reaktion mancher Wirtschaftsverbände aus, als das Bundesverkehrsministerium Anfang des Monats bekannt gab, die Elbe nur noch als Nebenwasserstraße zu klassifizieren, die Saale als Restwasserstraße einzustufen und die Planungen des Saale-Elbe-Kanals zu stoppen.
Wer bei der Planung von Investitionen allein auf heutige Tonnagen sehe, habe keine zukunftsfähigen Lösungen im Blick, klagte daraufhin der Landesgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Dieter Kapell. Sachsen-Anhalt gerate in Gefahr, seinen Stellenwert als Logistikdrehkreuz in Europa zu gefährden.
Dörfler sieht das naturgemäß anders. Eine zukunftsfähige Lösung habe er sehr wohl im Blick, sagt er und deutet auf das Ufer. Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich sei eine der wenigen Regionen der Welt, wo die Artenvielfalt in den vergangenen Jahren stetig zugenommen habe. Das Potenzial für den gesamten Flusslauf der Elbe sei riesig |