2010 Nr 46 | Der Spiegel
Seit Jahren investiert die Bundesregierung Milliarden in die
Güterschifffahrt im Osten der Republik. Bislang
ohne sichtbaren Erfolg: Nur selten fahren dort Schiffe.
Die riesige Brücke ist nichts weniger
als ein Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst.
Ein ebenso gewaltiger
wie eleganter Trog aus 24000 Tonnen
Stahl und 68000 Kubikmetern Beton
führt die Wassermassen über die Elbe.
Im Osten des Flusses kann eine Doppelschleuse
mit Hilfe von drei Pumpen
große Frachtschiffe 18 Meter hoch auf die
Höhe der Brücke heben. Auf der Westseite
schließlich erfüllt ein modernes
Schiffshebewerk die gleiche Funktion.
Eine halbe Milliarde Euro hat sich der
Staat das „Europäische Wasserstraßenkreuz“ bei Magdeburg kosten lassen, das
den Elbe-Havel-Kanal im Osten mit dem
Mittellandkanal im Westen verbindet. So
können Frachter Güter ungehindert von
Berlin nach Hannover und umgekehrt
schiffen.
Als die größte Kanalbrücke Europas
vor sieben Jahren eröffnet wurde,
schwärmte der damalige Bundesverkehrsminister
Manfred Stolpe (SPD) von einem „Brückenschlag zwischen Ost und
West“. Und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident
Wolfgang Böhmer (CDU) jubelte: „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen.“
Das eindrucksvolle Bauwerk ist schnell
zur Besucherattraktion geworden. Oft
stehen Busladungen voller Touristen auf
der Brücke und warten auf den spektakulären
Anblick, wenn ein Frachtschiff
die Elbe überquert. Meist warten sie
vergebens.
Der Traum hat sich längst in einen Alptraum
verwandelt. Eine vom Bundesverkehrsministerium
in Auftrag gegebene
Studie sagte der Strecke ein Transportaufkommen
von 18,3 Millionen Tonnen
voraus. Tatsächlich waren es im vergangenen
Jahr nur 2,7 Millionen. Gerade einmal
ein Siebtel der Prognose – und weniger
als vor dem Umbau.
Das Europäische Wasserstraßen kreuz
hätte ein Symbol werden können für
die umweltfreundliche Verlagerung des
Güterverkehrs von der Straße aufs
Schiff und eine sinnvolle Investition in
den Aufbau Ost. Tatsächlich steht es inzwischen
für eine milliardenteure staatliche
Fehlsteuerung und das Scheitern
der Politik.
Über Jahre hinweg hat die Bundesregierung die Güterschifffahrt in Ostdeutschland
massiv gefördert. 2,3 Milliarden Euro hat das Bundesverkehrsministerium für das „Projekt Deutsche
Einheit Nr. 17“ veranschlagt. Im Osten
gibt es nun neue Häfen, Schleusen und
Kanäle. Nur Schiffe gibt es kaum. Oft
warten die Arbeiter an den Schleusen
vergebens auf einen Frachtkahn.
Aber die Ausgaben für den Betrieb der
Wasserstraßen stiegen weiter. Auf der
Elbe haben sie sich in den vergangenen
fünf Jahren mehr als verdoppelt, auf zuletzt
36 Millionen Euro pro Jahr. Die Elbe ist zwar eine der wichtigsten Wasser -
straßen Ostdeutschlands, doch bundesweit
ist sie nahezu bedeutungslos. Vier
Fünftel des Güterschiffverkehrs werden über den Rhein abgewickelt und nur ein
Hundertstel über die Elbe. Im vergangenen Jahr war das nicht einmal eine
Million Tonnen. Im Gegensatz zum
Rhein ist das Wasser in der Elbe oft zu
niedrig. Logistikunternehmen meiden sie
deshalb.
Das hat die staatlichen Planer nicht davon
abgehalten, weiterhin im Osten zu
investieren. So baute die Gemeinde Wustermark
im Havelland vor einem Jahr für
15 Millionen Euro einen neuen Hafen.
Doch der einzige Kunde, Siemens-Bosch,
sprang schon nach wenigen Monaten ab.
Der Transport über Havel und Elbe lohnte
sich nicht.
Weiter im Osten, in Schwedt an der
Oder, hat die Stadt 30 Millionen Euro in
einen Hafen investiert. Doch der erwartete
Aufschwung auf den märkischen
Wasserstraßen blieb aus. Der Hafen ist
nur zu einem Drittel ausgelastet.
Die Bundesregierung halten die
schlechten Erfahrungen nicht davon ab,
die nächste Fehlinvestition im Osten anzupacken.
In Sachsen-Anhalt soll der
Elbe-Saale-Kanal für mindestens
100 Millionen Euro neu gebaut
werden. Hans-Ulrich Zabel,
Wirtschaftsprofessor an der
Universität Halle, hat das Projekt
lange begleitet. Sein Urteil
ist ernüchternd: „Der Bau des
Elbe-Saale-Kanals ist durch
nichts zu rechtfertigen.“
Der Wirtschaftswissenschaftler
weist auf eine Reihe grober
Fehler und falscher Annahmen hin. So
würden die Kosten mit 100 Millionen viel
zu niedrig veranschlagt. Ausgaben für die
Verlegung von Straßen, Gas- und Stromleitungen
und den Umweltschutz seien
nicht einberechnet worden, außerdem
müsse die Trasse um ein Viertel verlängert
werden. „Unter 180 Millionen ist der
Kanal nicht zu haben.“
Gleichzeitig werde der Nutzen des
Ausbaus „dramatisch überschätzt“. Die
Berechnungen stützen sich auf Prognosen,
wonach jeder Frachter mit 1000 Tonnen
Gütern beladen sei. Tatsächlich wurden
auf Elbschiffen selten mehr als 300
Tonnen transportiert.
Das Helmholtz-Zentrum in Leipzig
mahnt, der Saale-Ausbau sei „ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich un -
verantwortlich“. Und selbst der Bundesverband
der Deutschen Binnenschiffahrt
gelangt zu einer pessimistischen Einschätzung.
Mit einer Verbesserung der Saale-
Schifffahrt sei nur zu rechnen, wenn auch
die Elbe ausgebaut werde, heißt es in einem
Schreiben an das Bundesverkehrsministerium.
Doch einen Ausbau der Elbe
schließt die Politik aus. Zu groß wären die Schäden für die Natur, den Tourismus
und die Gefahren durch Hochwasser.
Die Grünen-Politikerin Valerie Wilms
fordert die Regierung auf, die Investitionen
in die ostdeutschen Wasserstraßen
einzustellen. Doch auch die Befürworter
des ostdeutschen Güterschiffverkehrs
melden sich zu Wort. Am lautesten wirbt
die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung
für neue Baumaßnahmen. Für sie geht es
schließlich um die eigene Existenz.
Die Behörde ist eine der ältesten der
Republik, ihre Geschichte reicht zurück
bis zum Wiener Kongress 1815. Sie hat
fast 13000 Mitarbeiter in 7 Direktionen,
39 Ämtern und 4 Sonderbehörden. Beinahe
jeder zweite Angestellte im Verkehrsministerium
arbeitet für die Wasser-
und Schifffahrtsverwaltung. Der
Bundesrechnungshof mahnt seit Jahren,
die Behörde zu sanieren. Auch der Haushaltsausschuss
drängte Verkehrsminister
Peter Ramsauer (CSU) zu Reformen.
Allein die Schifffahrtsdirektion Ost beschäftigt
2548 Mitarbeiter, wobei das Wort „beschäftigen“ die Situation nur unzureichend
trifft. Denn zu tun haben die Beamten
wenig, da nicht viele Schiffe im Osten
verkehren. Offiziell sind sie dafür da,
die Sicherheit auf den Wasserstraßen zu
gewährleisten. Behördenchef
Thomas Menzel residiert in einer
Villa in der Magdeburger Innenstadt.
Die SED-Bezirksleitung
hatte hier ihren Sitz. Fragen
beantwortet Menzel nur schriftlich.
Ansonsten ist er auf Wochen
hinaus nicht zu sprechen.
Angeblich zu viele Termine.
Frank Schmid, Geschäftsführer
einer Verkehrsberatungs -
firma aus Willich, schätzt, dass das
Ministerium jedes Jahr eine halbe Mil -
liarde Euro einsparen könnte, würde es
sich auf relevante Flüsse und Kanäle konzentrieren.
Doch davon ist die Regierung
weit entfernt. Sie glaubt noch immer,
Investitionen in die Wasserstraßen könnten
die ostdeutsche Wirtschaft stärken.
So wurde der Hafen Halle schon vor Jahren
für 30 Millionen Euro saniert. Das
Land Sachsen-Anhalt stuft ihn als besonders
wichtig ein. Er sollte Halle als überregionalen
Wirtschaftsstandort etablieren,
in der „Mitte eines wachsenden
Europas“.
Die Stadt hat eigens einen 40 Meter
hohen Kran angeschafft, für Lasten bis
zu 45 Tonnen. Das Hafenbecken ist etwa
so groß wie sechs Fußballfelder. Sieben
Frachter können hier gleichzeitig anlegen.
Sollte der Andrang besonders groß sein, können sie auf drei weitere Liegeplätze
am Südkai ausweichen.
Glücklicherweise mussten die Kapazitätsgrenzen
des neuen Hafens bislang
nicht ausgetestet werden. In den vergangenen
vier Jahren hat in Halle kein einziges
Güterschiff angelegt. |