aktualisiert am Mittwoch, 16 Juni, 2010

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16. Juni 2010 | Sächsische Zeitung | Von Karin Großmann

Naturbelassen

Umweltaktivist Ernst Paul Dörfler wirbt für die Schönheit der Elbe,
für Auenwälder, weite Wiesen und Stille.

Der Stein ist ein Feind. Der Stör ist ein Freund. Wer zu Ernst Paul Dörfler ins Boot steigt, lernt das als Erstes. Das Boot liegt als grauer Schlauch an der Elbe. Die Orte in dieser Gegend heißen Mahlitzsch, Wörblitz und Dommitzsch. Weiter nach Norden reicht Sachsen nicht. Auf der anderen Seite des Flusses beginnt Sachsen-Anhalt. Zwei Autos warten dort auf die Fähre. Sie tuckert still vor sich hin. Es klingt, als wäre sie gerade erst aufgewacht. Ein hellblauer Morgenhimmel spannt sich über den Deich. Dörfler tritt Luft in den grauen Schlauch und steckt den Aluboden zusammen. „Setzen Sie jetzt ein?“, fragt ein älterer Mann, der einen kleinen, weißbraun gescheckten Hund auslüftet. „Da würde ich nämlich mal zugucken.“ Dörfler nickt. Er holt die Paddel aus dem Auto. Dann setzen wir ein.

Studien für den Giftschrank

Deutschlands zweitlängster Fluss spielt Strom. Breit und braun und mächtig treibt die Elbe vorbei. Es dauert, bis die Paddel das Boot in die Mitte bringen. Gewiss gibt es sicherere Sitze als einen Schlauchbootrand. Es ist sehr nett, wenn es etwas in ruhigeres Fahrwasser gerät. Langsam entfernt sich das Wiesengrün. Der kleine Uferhund schrumpft. Der ältere Mann verschwindet. Die Fähre liegt als Krümel am Rand. Und dann wird es still. Es wird unwirklich still. Zwischen Wasser und Himmel ereignet sich ein lautloses Nichts, wie es selten vorkommt. Romantische Dichter behaupten in solchen Momenten, dass die Natur den Atem anhält. Kann sie das 600Kilometer lang? Über diese Strecke könnte das Boot sich treiben lassen, ohne an ein Hindernis zu geraten. Das gibt es in diesem Land kein zweites Mal. Weit oben kreuzen ein paar Stockenten durchs Blau.

„Es lohnt sich, für diesen Fluss zu kämpfen, denn es ist der Letzte, der den Namen Fluss noch verdient“, sagt Ernst Paul Dörfler. Menschen in anderen Gegenden haben einen Hausberg. An den Wochenenden steigen sie regelmäßig hinauf. Dörfler hat einen Hausfluss. Der drahtige Sechzigjährige kämpft für die Elbe freiberuflich und hauptberuflich, leidenschaftlich und nachdrücklich. Er tat das schon, als Umweltschutz fast noch als Unwort galt. Nach Studium und Promotion an der Technischen Universität Magdeburg arbeitete er von 1977 bis 1982 als Ökochemiker am Institut für Wasserwirtschaft in Ostberlin. Was er erforschte, war brisant. Es war so brisant, dass es geheim bleiben musste. Manche Bibliotheken in der DDR besaßen einen sogenannten Giftschrank für unerwünschte Literatur; für Schadstoffstudien ein passender Ort.

Dörfler bringt das Schlauchboot mit kräftigen Schlägen auf Kurs. Ein Vogel jagt flach über das Wasser, ein schwarzweißer Fleck. Rot leuchtet der Schnabel. „Ein Austernfischer!“ Aufgeregt springt der Bootsmann hoch. Das Paddel rutscht ihm fast aus der Hand. „Ein Austernfischer, ich glaub es nicht!“ Der Vogel gehört an die Nordseeküste. Nur zum Brüten kommt er ins Binnenland. Selbst versierte Beobachter kriegen ihn selten zu sehen. Dörfler legt die Hand über die Augen und schaut das Ufer entlang. Auf dem Deich sitzen drei Bauern in bunten Hemden und machen Frühstückspause. Vielleicht saßen ihre Väter schon so und deren Väter, die Beine ins Gras gestreckt. Windräder am Horizont holen das archaische Bild in die Gegenwart. Der Austernfischer ist fort.

Die sympathischen Faröer

Ein paar Sätze schickt Dörfler ihm nach. Die Faröer-Inseln, erzählt er, lieben den Vogel. Sie feiern ihn als Symbol für Unabhängigkeitsstreben. Die Faröer sind Dörfler sympathisch. Als der Wissenschaftler seine Umweltstudien einmotten musste, erklärte er sich zum freien Schriftsteller. Drei Jahre lang rang er um die erste Veröffentlichung. Dabei hatte er in vorauseilender Weitsicht ein Fragezeichen in den Titel gesetzt, wo ein Ausrufezeichen richtig gestanden hätte. Im Buch „Zurück zur Natur?“ empfahl er der DDR, ihr Wirtschaftsprinzip zu verändern und aufzuhören mit dem Raubbau an Wald und Wiese. Es war 1986 das erste Buch dieser Art im Land und sofort vergriffen. Hier beschrieb einer die Fakten anders, als man sie aus der Zeitung kannte. Dass sich der Mensch die Natur untertan macht, hielt der Autor für eine falsche These.

Misstrauisch runzelt Ernst Dörfler die Stirn, wenn heute von einer Ertüchtigung der Elbe die Rede ist oder von Unterhaltungsarbeiten.

Weit dehnen sich die Wiesen ins Land. Eine Herde Schafe setzt weiße Tupfen. Alte Eichen wetteifern mit einem Kirchturm um Höhe. Glockenschläge wehen herüber. Die Elbe macht kleine Wirbel in Ufernähe. Dort liegen Buhnen im Wasser. Auch im 19. Jahrhundert gab es schon tüchtige Leute. Sie bauten die Buhnen quer zum Fluss, sie beseitigten Inseln, befestigten Ufer und schafften die Krümmungen ab. So gingen zwar 120 Kilometer verloren, aber die Elbe floss schneller. Sie grub sich tiefer ein in den weichen Sand. Der Naturstrom wurde Verkehrsweg, technisch genormt. Die Industrie jubelte. Sie konnte viel transportieren.

Verschmutzung erlaubt

Dörfler paddelt energisch, wenn er die Geschichte erzählt. In seiner Stimme liegt ein grimmiger Unterton. „Ökologische Schäden wurden einfach in Kauf genommen“, sagt er. „Die Verschmutzung der Elbe war staatlich sanktioniert. Gut, das hat sich in den letzten hundert Jahren geändert. In solchen Zusammenhängen muss man denken, wenn man etwas bewegen will.“

Die Frage, ob er das will, erübrigt sich. Wo immer ein Verein oder ein Projekt für den natürlichen Lauf der Elbe wirbt, steht sein Name darunter. Motto: „Der Fluss darf nicht gesteinigt werden.“ Vierzig Millionen Euro, so Dörfler, werden in jedem Jahr ausgegeben, um die Elbe ganzjährig schiffbar zu machen – „dabei werden nur noch ein Prozent der Güter von Sachsen und Sachsen-Anhalt über die Elbe transportiert“. Selbst wenn es ein paar Prozent mehr sein sollten – wirtschaftlich überzeugend sieht das nicht aus. Wer als Kind an der Elbe sehnsüchtig den Zillen nachsah, weiß: Es fuhren viel mehr als heute, und voll beladen. Im vorigen Jahr sank das Transportaufkommen in der Binnenschifffahrt um 18 Prozent. Die Unternehmen bevorzugen Schiene und Straße. Das geht schneller. Auch kommt es dort nicht so auf den Wasserstand an.

Die Verkehrsexperten, die für eine Ertüchtigung der Elbe plädieren, rechnen mit veralteten Zahlen, meint Dörfler. Die Experten werfen ihm fehlendes Verständnis vor. Es gehe nicht nur um Quantitäten – hochwertige, sperrige und übergewichtige Güter könnten oft nur per Schiff transportiert werden. Die schöne Elbe wird zum hässlichen Streitobjekt. Da ist das Wort Staustufe noch gar nicht gefallen und kein Wort vom Klimawandel.

Nestbau und Revierneid

Einmal treiben zwei Männer vorbei im Paddelboot. Sie heben freundlich winkend die Hand. Die Mittagssonne wirft einen kurzen Schatten. Ein Graureiher am Ufer wartet geduldig auf Beute oder wer weiß worauf sonst. Dutzende Vögel zwitschern und kollern in hohen Weiden. Dörfler lässt das Paddel ruhen und lauscht angespannt. „Eine Nachtigall“, sagt er. „ein unverpaarter Junggeselle.“ Im vorigen Jahr brachte er ein üppig illustriertes Buch heraus über Balztanz und Nestbau, Brutpflege und Revierneid. Der Bootsmann hört nicht nur, wer da trällert, sondern auch was. Er spricht über Mönchsgrasmücken und Regenpfeifer wie über liebe Verwandte. Es ist ihr Refugium, für das er sich einsetzt. „Wenn das Ufer verbaut wird und die Elbe sich tiefer einschneidet in den Untergrund, entzieht sie der Umgebung das Wasser. Dann sterben die Auenwälder. Es sind die größten Auenwälder Mitteleuropas. Viele Tiere verlieren ihren Lebensraum. Die Vielfalt der Arten wird noch mehr gefährdet.“ Das gilt dann nicht nur für Vögel. Der Stör zum Beispiel ist gerade erst dabei, wieder heimisch zu werden.

Für kurze Zeit begab sich der Elbeschützer sogar in die Politik. Ernst Paul Dörfler und seine Frau Marianne gehörten im November 1989 zu den Mitbegründern der Grünen Partei, sie vertraten am zentralen runden Tisch in Berlin die Interessen der Grünen.

Tanz der Milane

Dörfler verhalf auch der Stiftung Umwelt und Naturschutz zum Leben. Er gehörte der ersten frei gewählten Volkskammer an. Bis zu den ersten gesamtdeutschen Wahlen saß er im Bundestag. Doch der Mann mit dem kurzen grauen Haar und dem stoppligen Kinnbart macht nicht den Eindruck, als würde er sich liebend gern einer Parteiräson unterordnen. Er legt den Kopf in den Nacken und beobachtet vier, fünf Rote Milane, die über der Elbaue kreisen, als fänden sie sich zusammen zu einem kunstvollen Tanz. An keinem anderen Ort in Deutschland kommt diese Vogelart häufiger vor. „Was man für alltäglich hält, schätzt man nicht“, sagt Dörfler.

Mit Verbündeten organisiert er Camps, Workshops, Vorträge. Mitunter, sagt er, wundert er sich selbst, dass er nicht müde wird. Mehr als 700Wissenschaftler, Kirchenleute und Politiker paddelten mit ihm schon über die Elbe. Langsam schwebt ein Weißstorch über die Wiese. Die Stille bleibt bis zur Fähre in Pretzsch. Ein Schiff mit Schottersteinen hat angelegt. Dörfler steuert das Schlauchboot so, dass er nur die Elbe im Blick hat. „Was für eine Schönheit“, sagt er. „Jede Begegnung mit dieser Landschaft ist wie die Begegnung mit einer Geliebten.“ Auch Wissenschaftler werden manchmal poetisch.

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