aktualisiert am Mittwoch, 16 Juni, 2010

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18.05.10 | Mitteldeutsche Zeitung | VON THOMAS STEINBERG

Die Bürgerinitiative Pro Elbe Anhalt und das BUND-Elbeprojekt hatten Epple am ... weil der vertraute Fluss durch die Staustufen seinen eigensinnigen und ...

Vom Kuppler Epple und einer zweigeteilten Liebe

DESSAU/MZ. Als Paul Dörfler sie zum ersten Mal sah, war es um ihn geschehen. Nicht, dass seine alte Liebe ins Wanken geriet. Aber seine Liebe war fortan zweigeteilt zwischen der alten Liebe, der Elbe, für die er sich seit vielen Jahren vehement einsetzt, und der neuen Liebe, der Loire.

Die Loire entspringt im Zentralmassiv, fließt gen Norden, biegt bei Orléans gen Westen ab und mündet schließlich im Atlantik. Sie gilt in West- und Mitteleuropa als einer der letzten weitgehend naturnahen Flüsse, was sie mit der Elbe verbindet. Auch Kulturtouristen wissen sie zu schätzen: An ihren Ufern finden sie über 400 Schlösser, von denen Chambord mit seinen 440 Zimmern als das beeindruckendste und größenwahnsinnigste gilt.

Austausch von Erfahrungen

Verkuppelt wurden Dörfler und die Loire von Roberto Epple, seit Jahrzehnten ein weltweit aktiver Flussschützer, der unter anderem als Erfinder der Elbebadetages gilt, der Vorsitzender des Europäischen Flussnetzwerks und Gründer der Organisation SOS Loire vivante ist. Die Bürgerinitiative Pro Elbe Anhalt und das BUND-Elbeprojekt hatten Epple am Montag ins Kornhaus zu einem Vortrag eingeladen, um von seinen Erfahrungen zu profitieren. Denn dass die Loire weitgehend frei und ohne Korsett fließen kann, ist nicht unwesentlich sein Verdienst.

Mitte der achtziger Jahre hatte die französische Regierung beschlossen, mehrere Staufstufen in der Loire zu bauen. Diese sollten vor allem sicherstellen, dass die vier Atomkraftwerke an den Ufern der Loire auch im Sommer genügend Kühlwasser aus dem Fluss pumpen können.

Widerstand gegen Atomkraft war in Frankreich bis vor wenigen Jahren praktisch kein Thema: Frankreich erzeugt 80 Prozent seines Stroms in Reaktoren, betrachtet das als Ausweis nationaler Größe und betreibt eine massive Geheimhaltungspolitik bei allen Belangen der Atomkraft, die am Ende aber nicht verhindern konnte, dass nach und nach der skandalös sorglose Umgang mit dem Atommüll publik wurde.

1985 indes war das kein Aufreger, auch nicht an der Loire. Der Widerstand regte sich vielmehr, weil der vertraute Fluss durch die Staustufen seinen eigensinnigen und urwüchsigen Charakter verloren hätte, der dafür gesorgt hatte, dass die Schifffahrt bereits zu Beginn der 20. Jahrhunderts trotz Baus zweier Seitenkanäle unwirtschaftlich und deshalb eingestellt wurde. "Die Atomkraftwerke sind unsere Schifffahrt", verglich Epple die Situation an der Loire mit der an der Elbe.

Als Epple im Jahr 1985 vom WWF an die Loire geschickt wurde, war der Widerstand gegen die Staudämme zwar eine Angelegenheit vieler, indes streng lokal beschränkt. SOS Loire vivant bündelte den Protest, professionalisierte ihn. "Was genau passierte, kann ich nicht sagen, aber es war wie eine Welle." Man verständigte sich auf ein gemeinsames Loire-Leitbild, machte sich kundig, organisierte über Jahre hinweg Besetzungen von Baustellen.

Im Jahr 1995 zeigte der Protest Erfolg - und mehr, als die Flussschützer je erwartet hatten. Nicht nur verabschiedete sich die Regierung von den Stauwerkplänen. Bei einem Gespräch im neu gegründeten Umweltministerium fanden sich Epple und seine Mitstreiter mit der Frage konfrontiert, welche Wünsche sie denn sonst noch hätten, was sie sich vorstellen könnten. Ob man nicht in einem Nebenfluss zwei Dämme herausnehmen solle? Das geschah tatsächlich.

Eindeichung bereitet Sorgen

Also ist alles gut an der Loire? Keineswegs. Abgesehen von den Atomkraftwerken, deren Kühlsystem umgestellt wurde, was nichts daran ändert, dass sie den Fluss aufheizen und dem Wildlachs das Leben schwer machen. Über Jahrzehnte wurde die Loire eingedeicht - und viel enger als die Elbe.

Die letzte große Loire-Flut von 1910 brachte hunderte Menschen den Tod - und die nächste lasse nur auf sich warten, warnt Epple: "Dann gibt es eine ganz schreckliche Katastrophe." SOS Loire vivante wird wohl so schnell nicht überflüssig werden.

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