aktualisiert am Dienstag, 29 Dezember, 2009

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28.12.2009 | Mitteldeutsche Zeitung | KATRIN LÖWE

Lachs-Stau in Dessau

Seit 2004 läuft in Sachsen ein Wiederansiedlungsprogramm für die Raubfische in der Mulde

DESSAU-ROSSLAU/MZ. Es gab Zeiten, da sollen die Fischer an der Mulde in Anhalt ihren Lachs kaum noch losgeworden sein. Da sollen Dienstboten sogar darauf gedrungen haben, dass sie nicht mehr als zweimal wöchentlich Lachs essen müssen. Und selbst wenn Experten durchaus Zweifel daran haben, dass der schmackhafte Edelfisch bei den Armen tatsächlich so oft auf den Tellern landete: Große Fänge gab es einst tatsächlich. Knapp 5 000 Lachse sollen 1642 bei Dessau in den Netzen gelandet sein. Doch die Verunreinigung der Flüsse und der zunehmende Bau von Stauanlagen und Wasserkraftwerken für den Bergbau forderten ihren Tribut. Der Muldelachs galt seit 1880 als ausgestorben. Ein vor fünf Jahren in Sachsen gestartetes Programm soll den Wanderfisch nun wieder ansiedeln - dessen Umsetzung scheitert aber noch immer in Sachsen-Anhalt.

Indikator für gesunde Gewässer

Frustrierend nennt Thomas von der Heide das. Der 40-Jährige ist Vorsitzender des Mitteldeutschen Wanderfischvereins in Leipzig und engagiert sich seit Jahren für die Rückkehr der Raubfische. "Die Mulde gehört historisch belegt zu den besten Lachsgewässern Europas", sagt er. Mit ihrer Kiesstruktur und dem hohen Sauerstoffgehalt biete sie ideale Laichmöglichkeiten. Und: Der Lachs habe nicht nur ungemeines touristisches Potenzial - Tausende fahren jährlich wegen ihm zum Angeln nach Norwegen -, er sei auch ein hervorragender Bioindikator: "Wo der Lachs vorkommt, ist das Gewässer in einem guten Zustand", so von der Heide.

2004 wurden in das Flüsschen Chemnitz nahe der gleichnamigen sächsischen Stadt zum ersten Mal 100 000 Lachse eingesetzt, um über Mulde und Elbe bis zu ihren Nahrungsplätzen im Atlantik zu wandern. Vollgefressen und erwachsen kommt ein Teil der Fische von dort schließlich zum Laichen wieder an den Ursprungsort zurück - theoretisch zumindest. Praktisch scheitern die Lachse bereits am Dessauer Stadtwehr, dem ersten von zwölf Querbauwerken in der Mulde. Selbst für die sportlichen Fische ist es schlichtweg zu hoch zum Überspringen.

An anderen Wehren sind längst Fischaufstiege gebaut, am Auslaufbauwerk des Muldestausees im Landkreis Anhalt-Bitterfeld steht das bislang größte Projekt gerade kurz vor der Vollendung. Eine Lösung für das Dessauer Stadtwehr aber ist noch immer nicht in Sicht, beklagt von der Heide. Dabei liegen die Pläne für eine Fischaufstiegsanlage schon seit Jahren in den Schubladen, wie das Landesamt für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft in Sachsen-Anhalt bestätigt. Nach anfänglich 700 000 bis 800 000 Euro sollte die letzte Variante 1,6 Millionen Euro kosten, sagt dessen Leiter Burkhard Henning. Finanziell ein ziemlicher Brocken. Umgesetzt wurde das Projekt aus einem Grund nicht: In Dessau gibt es zwischenzeitlich Pläne für eine Wasserkraftanlage. Deren künftiger Betreiber sei beim Bau ohnehin verpflichtet, einen Fischaufstieg zu installieren - auf seine Kosten. Ergo, so Henning, mache es keinen Sinn, ihn jetzt mit Landesmitteln zu finanzieren, zumal er auf ein Kraftwerk abgestimmt sein müsse.

Von der Heide oder der Anglerverband Sachsen-Anhalts haben mit dem geplanten Wasserkraftwerk ohnehin Probleme. Sie bestreiten dessen Effizienz und beklagen, dass zu viele Fische beim Abstieg in die Turbinen geraten und nicht überleben. Ihre zweite große Sorge ist, dass das Projekt die Durchlässigkeit des Gewässers, nicht nur für Lachse, auf unbestimmbare Zeit verzögern wird. Denn wie das Landesverwaltungsamt auf Anfrage erklärt, gibt es zwei potenzielle Wasserkraftbetreiber. Einem ist vor wenigen Tagen der Zuschlag erteilt worden, sagt Ragner Wenzel, Referatsleiter Wasser in der Behörde. "Es kann aber gut sein, dass der andere Bewerber juristisch dagegen vorgehen wird", so Wenzel. Dann allerdings würden die schätzungsweise zwei Jahre, die mit dem Planfeststellungsverfahren und dem Bau der Anlage noch vergehen, als Zeitfenster nicht ausreichen.

Unterdessen gibt es in Dessau längst Lachse auf dem Rückweg vom Atlantik. Seit 2006 werden sie beobachtet, wie sie mit Sprüngen am Stadtwehr scheitern. Manche von ihnen würden geschwächt umkehren oder sterben, andere notlaichen, sagt von der Heide. Eine Befruchtung der Eier finde in diesem Teil der Mulde aber nicht statt. "Uns ist dort kein Nachweis einer erfolgreichen Brut bekannt."

Unzufriedenheit bei Initiatoren

Auch bei der sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft, die das Programm betreut und jährlich neue Lachsbrütlinge in die Chemnitz setzt, gibt es lange Gesichter. Man habe damit gerechnet, dass der Weg durch die Mulde in Sachsen-Anhalt schneller für die Fische frei ist, sagt eine Sprecherin. Nicht einmal die hiesigen Angler sind glücklich über den Lachsstau in Dessau, der ihnen - provokativ formuliert - ja gute Fänge versprechen könnte.

Der Lachs dürfe ohnehin nicht geangelt werden, sagt Verbands-Geschäftsführer Axel Ritzmann. Zudem habe der Verband großes Interesse an einer dauerhaften Wiederansiedlung. "Dass in Dessau Tiere ankommen, zeigt doch, dass sie funktionieren würde", sagt Ritzmann. Umso weniger befriedige die derzeitige Situation. "Wir müssten viel weiter sein."

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