7./8.11.2009 | taz – die tageszeitung | INTERVIEW EDITH KRESTA
Der Osten hat bei der
Wiedervereinigung seine Naturlandschaften
eingebracht. Doch das wertvolle Erbstück leidet,
warnt Naturschützer Ernst Paul Dörfler
taz: Herr Dörfler, glänzt das Tafelsilber
der neuen Bundesländer,
wie es der Ex-Umweltminister
Klaus Töpfer nannte?
Ernst-Paul Dörfler:Daswertvolle
Erbstück hat schwarze Flecken
bekommen. Das Tafelsilber, das
sind geschützte Nationalparke
wie beispielsweise der Harz, die
Vorpommersche Boddenlandschaft
oder das Odertal. Das sind
die Biosphärenreservate wie
Schorfheide Chorin oder mein
Aktionsraum, die Flusslandschaft
Elbe. Und es sind zahlreiche
Naturparke. Doch dieses Naturkapital
im dünner besiedelten
Osten hat sich anders entwickelt,
als wir hofften. Das sagen
alle Experten in den fünf neuen
Bundesländern. Für Naturschutz
ist fast kein Geld da!
Sind nicht wenigstens diese geschützten
Naturräume blühende
Landschaften geworden?
Wirhatten uns vor 20 Jahren vorgestellt,
dass tatsächlich in den
Schutzgebieten außerhalb der
Kernzonen ökologisch gewirtschaftet
wird. Dass in diesen Gebieten
auf den Einsatz von Agrochemikalien
verzichtet wird. Da
hat sich wenig getan. Ein positives
Beispiel ist die Schorfheide.
Dasist der Leuchtturmderökologischen
Landwirtschaft. Ansonsten
stellen wir den Trend fest,
dass die Bewirtschaftung in vielen
Großschutzgebieten intensiviert
wurde – sehr zum Nachteil
für die Arten- und Biotopvielfalt.
Fehlt der politische Wille?
Ja, bei den Landesregierungen – Naturschutz ist Ländersache – ist
wenig zu erkennen, am ehesten
in Brandenburg, aber auch dort
ist er geschrumpft.
Was ist das Hauptproblem?
Das fehlende Personal. So ein
Schutzgebiet erhält sich ja nicht
von selbst. Man braucht Leute,
die Öffentlichkeitsarbeit machen,
die die Menschen vor Ort
mit einbeziehen, schulen. Doch
von dem Personal, das die Großschutzgebiete
Anfang der Neunzigerjahre
hatten, ist die Hälfte
weggestrichen worden. Hier
wird an völlig verkehrter Stelle
gespart. Ich kenne keine andere
Behörde, der in den letzten Jahren
fünfzig Prozent ihrer Mitarbeiter
abgebaut wurden.
Merkwürdig bei der hohen Arbeitslosigkeit
im Osten…
Das finde ich eben auch merkwürdig.
Das wäre eine sehr lohnende
Investition, dort Menschen
zu beschäftigen, um die
Schutzgebiete in die gewünschte
Richtung zu entwickeln. Aber es
fehlen die Einsicht und Bereitschaft
der Landespolitiker.
Was wäre denn eine wünschenswerte
Entwicklung?
Es ist wünschenswert, die Pufferzonen
der geschützten Gebiete ökologisch angepasst zu nutzen.
Dazu müsste der bedeutendste
Flächennutzer, die Landwirtschaft,
von umweltbelastender,
intensiver Landwirtschaft auf ökologische Landwirtschaft umgestellt
werden – was auch wieder
doppelt so viele Arbeitsplätze
schaffen würde. Die ökologische
Landwirtschaft würde die
Arbeitslosigkeit in den strukturschwachen
Gebieten senken. Das
muss aber politisch gewollt sein.
Es bedarf Beratung für die Bauern,
Umweltbildung. In Sachsen-Anhalt beispielsweise gab es 12
Naturschutzstationen nach der
Wende, davon ist keine mehr übrig
geblieben.
Ökologische Produkte liegen
im Trend und inzwischen auch
in den Supermärkten.Wird hier
was verschlafen?
Ja.Manhat eszwanzig Jahrenach
der Wende geschafft, die Nachfrage
nach gesunden Nahrungsmitteln,
die ökologisch erzeugt
wurden, enorm zu steigern.
Doch in Schutzgebieten, die dafür
geschaffen wurden, ist die
Umstellung auf die ökologische
Produktionsweise nur sehr
schleppend vorangegangen.
Die Schutzgebiete werden vernachlässigt?
Genau. Die Substanz ist noch da.
Elbe und Oder sind beispielsweise
die letzten naturnahen Flusslandschaften,
die wir inDeutschlandhaben.
DieDDRhat die Flüsse
nicht verbaut,weil sie es nicht
geschafft hat und weil sie den
Verkehr auf die Schieneverlagert
hat. Und jetzt kommen die westdeutschen
Strukturen und die
bundesdeutschen Gesetze. Dadurchwerden
die Flüsse Oder, Elbe,
Saale, Havel und Spree nach
westlichem Vorbild modernisiert,
umsie für denVerkehr herzurichten.
Dabei ist der Bedarf
bei Weitem nicht vorhanden,
und den Flüssen fehlt zeitweise
jetzt schon das Wasser für die Frachtflussfahrt. Aber für diese
naturzerstörenden Vorhaben sind immense Summen da.
Wenn für die Pflege des „Tafelsilbers“ der hauptamtliche Naturschutz
wegen drastischer
Stellenkürzungen bis zur Unkenntlichkeit
verstümmelt
wurde, kümmern sich wenigstens
ehrenamtliche Naturschützer darum?
Würden wir – ich zähle mich dazu – liebend gern. Seit 20 Jahren
führe ich persönlich im BUND
den Kampf gegen den absurden
und teuren Ausbau von Elbe und
Saale zu „modernen“Wasserstraßen.
Statt für die Schutzgebiete
zu werben und zu informieren
und Umweltbildung voranzutreiben,
also konstruktiv mit der
evölkerungundmitdenTouristen
zu arbeiten, wird unsere
Kraft in Stellungskriegen gegen
die Baulobby und deren politische
Helfer aufgefressen. Auch
die jüngste Bundesregierung hat
sich nicht von den Flussausbauprojekten
verabschiedet.
Ist denn wenigstens der Tourismus
in den Gebieten nachhaltiger
geworden?
Das ist sehr unterschiedlich. Der
Tourismus an der Elbe hat zweistellige
Wachstumsraten der
Touristenzahlen in zwei Jahren. Das kann die Elbe verkraften. Die
Radfahrer und Kanuten sind für
diese Region goldwert,weil mehrere
tausend Arbeitsplätze daran
hängen. Ein anderes Beispiel ist
der Darß. Dort dürfenMotorboote
immer noch in die Kernzonen
des Nationalparks. Das ist ein
Störfaktor. Dort, wo der Tourismus
angepasst ist, ist er ein Segen.
Dort, wo er ein knallhartes
Geschäft ist, werden die Schutzgebiete unterminiert.
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