22.10.2009 | Sächsische Zeitung | Stephan Schön
Ein wirtschaftlicher Gütertransport auf dem Fluss wird durch Niedrigwasser immer schwieriger und künftig wahrscheinlich unmöglich.
Die Elbe bekommt ihn jetzt schon zu spüren – der Klimawandel dreht ihr nahezu jeden zweiten Sommer das Wasser ab. Dann wird aus dem Fluss so wie in diesem Jahr ein Rinnsal. Potsdamer Klimafolgenforscher haben jetzt berechnet, dass Mitte des Jahrhunderts die für eine wirtschaftlich sinnvolle Binnenschifffahrt notwendigen Wassermengen immer öfter nicht erreicht werden. Das trifft insbesondere die Region von Magdeburg bis hoch nach Decin. Dann wird nur, und auch das mit starken Einschränkungen, die Weiße Flotte noch auf dem Strom unterwegssein.
Selbst bei nahezu unverändertem Jahresniederschlag, dem besten Szenario für 2050, wurden die Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Binnenschifffahrt nach den derzeit gültigen Kriterien nur noch jedes zehnte Jahr gegeben sein. Das berichtet Frank Wechsung. Der Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) leitet seit acht Jahren ein Projekt, bei dem die Folgen des Klimawandels für die Elbe und das Elbe-Einzugsgebiet untersucht werden. Vergangene Woche stellte die SZ erste überraschende Ergebnisse vor. Doch die Konsequenzen gehen weiter. Die Ergebnisse vom Forschungsprojekt Glowa-Elbe zwingen schon heute zum Handeln.
Immer weniger Wasser
„Das Elbe-Einzugsgebiet wird sehr stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein", berichtet Frank Wechsung aus den neuen Studien. Drei Szenarien haben er und das Projektteam berechnet: Ein sehr günstiges, eines im normalen Trend und ein gruseliges, wie er es nennt. Schon jetzt fehlen – der Elbe bei Dresden wegen Niedrigwasser durchschnittlich 37 schiffbare Tage im Jahr. Im günstigsten Falle ist dann um 2050 mit nochmals 50 Tagen Schwund zu rechnen. Es können aber durchaus auch insgesamt 165 Tage werden, an denen Schifffahrt allein wegen Niedrigwasser unmöglich wird. Nach heutigen Kriterien wäre, egal welcher Fall eintritt, wirtschaftlich keiner mehr vertretbar. Die Kähne würden zu lange ungenutzt festsitzen. Das „gruselige Szenario" ist übrigens nicht unwahrscheinlicher als das günstigste. In diesem Falle könnte die Elbe teils sogar trocken liegen – gäbe es die Talsperren in Tschechien nicht. „Diese Talsperren haben dann vor allem eine gärtnerische Funktion, damit es in Dresden überhaupt noch plätschert", sagt Wechsung.
Drei Möglichkeiten wurden jetzt auf einer Konferenz in Potsdam diskutiert, um die Schifffahrt länger am Leben zu halten. Sie alle taugen indes nicht richtig. Viele neue Speicherbecken zu bauen, verbieten nicht nur die Kosten, sondern auch die ökologischen Folgen. Die vorhandenen Becken besser auszunutzen, sie besser zu füllen, dem steht die ständige Angst vor einem plötzlichen Hochwasser entgegen.
Bleibt die Idee, von der Donau, die im Sommer zu viel Wasser hat, etwas in die Elbe zu bringen. Das sei technisch machbar und würde mit Investitionen von ungefähr 200 Millionen Euro zustande kommen. Strom für Pumpwerke und Wartung kosten etwa 20 bis 30 Millionen im Jahr. „Doch zu welchen Risiken und Unwägbarkeiten?", fragt Wechsung. In diese Betrachtung seien zudem keinerlei Umweltkosten eingerechnet.
„Die Schifffahrt muss sich auf die kommende Situation einstellen. Für die Häfen sind neue Konzepte für die Umladung vom Wasser auf den Landweg nötig", rät der Forscher. „Es macht keinen Sinn, Geld; in den Flussausbau zu stecken, wenn der Nutzen fragwürdig bleibt." Eine gute Nachricht aber hat Frank Wechsung zu verkünden: „Die ökonomischen Folgen des Klimawandels bleiben in der Fläche zunächst überschaubar. Probleme bekommen aber all die, die den Fluss direkt nutzen." Und '. das sind neben der Schifffahrt noch ein paar mehr.
Die Kraftwerke im Elbe-Einzugsgebiet müssten wahrscheinlich auf Teilzeit oder Teillast gehen. Es fehlt künftig Kühlwasser und das warme, wenn auch saubere Abwasser würde die Gewässer noch mehr aufheizen. Eine Frage, die sich übrigens auch für das Kernkraftwerk im tschechischen Temelin stellen könnte. Vor recht trockenen Zeiten stehen aber auch Naturschutzgebiete wie der Spreewald. Nur das abgepumpte Wasser aus den aktiven Tagebauen rettet ihn derzeit. Andernfalls wären im Sommer schon längst einige Fließe vor allem im Unterspreewald trocken.
Kein Strandbad am Fluss
Das ehrgeizige Ziel, aus der Elbe wieder ein lukratives Badegewässer mit Sandstränden zu machen, steht zwar noch. Es wird aber wohl nicht machbar sein. Nährstoffe in Form von ausgewaschenem Dünger von den Feldern im Elbe-Einzugsgebiet konzentrierten sich in den Zeiten von Niedrigwasser im Fluss, erklärt Jochen Schanze. Er leitet im Dresdner Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) den Bereich Umweltrisiken und Regionalraumentwicklung.
Durch die Nährstoffe im noch dazu wärmeren Wasser verstärke sich die Algenbildung enorm. „Es wird deutlich zu sehen sein. Der Fluss ist belastet, und das ist schlecht fürs Tourismusgeschäft." Soll die Gewässerqualität gehalten oder verbessert werden, dann müssten neue Regeln für die Landwirtschaft her. „Die Düngung müsste deutlich verringert werden." Damit aber wäre auch die Landwirtschaft zwar nur indirekt, aber spürbar vom fehlenden Elbe-Wasser betroffen.
Die neuen Daten sind sehr belastbar. Auf deren Grundlagen lassen sich nun Entscheidungen fällen. Möglicherweise eben auch unbequeme wie die zur Landwirtschaft und Schifffahrt. Davon ist Jochen Schanze überzeugt. Er appelliert an die Politik, vorhandene Planungen zu prüfen. „Wir haben klare Tendenzen für die Elbe, die müssen wir sehr ernst nehmen", sagt Schanze, der auch als Professor an der TU Dresden lehrt. „Man muss von der Politik verlangen, dass sie diese Erkenntnisse berücksichtigt.“
Spätestens nun wird klar, dass es nicht nur das Höchwasserproblem im Elbtal gibt. In diesem Jahr hat der Fluss einen neuen Rekord erreicht, einen traurig-trockenen. Es war der für die Elbe trockenste Sommer seit 50 Jahren, berichtet Frank Wechsung. Ja vielleicht wäre es sogar ein Rekord seit Beginn der Messungen am Pegel Dresden geworden. „Ohne die Talsperren in Tschechien wäre es jetzt schon viel schlimmer."
www.glowa-elbe.de
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