Mitteldeutsche Zeitung 19.10.09 | VON STEFFEN BRACHERT
Festveranstaltung: Biosphärenreservat Mittelelbe feiert im Bauhaus seinen 30. Geburtstag mit vielen Gratulanten
DESSAU-ROSSLAU/MZ. Der Biber hatte das Bauhaus erobert. Stumm, weil ausgestopft, aber unübersehbar war Mittelelbes bekanntester Exportschlager in der ersten Etage platziert. Aus gutem Grund: Das Welterbe Bauhaus hatte am Montag die Bühne freigemacht für das Biosphärenreservat Mittelelbe, das 30. Geburtstag feierte. Etwas zu früh. Die Unesco-Anerkennung für das damalige Naturschutzgebiet "Steckby-Lödderitzer Forst" erfolgte am 24. November 1979. Trotzdem wurde in großer Runde des besonderen Jubiläums gedacht.
Anträge noch aus DDR-Zeit
Im offiziellen Jahr der Biosphärenreservate erinnerte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer vor allem an eines. Dass die Anträge an die Unesco, das deutschlandweit erste Biosphärenreservat auszuweisen, in einer Zeit gestellt wurden, "als es die DDR noch gab, als die Elbe ein hochgradig belasteter Fluss war, in den Städte wie Bitterfeld und Wittenberg ungeklärt ihre Abwasser einleiteten". Diese Beantragung, blickte Böhmer zurück, "war bestenfalls eine politische Geste". Eine Geste aber, die bis heute nachhaltige Wirkung entfaltet hat.
30 Jahre später ist das mehrfach vergrößerte und zweimal umbenannte Biosphärenreservat Mittelelbe entlang der Fluss- und Naturlandschaft Elbe ein länderübergreifendes Vorzeigeobjekt. Das räumt sogar Natarajan Ishwaran ein. Der Direktor der Unesco-Abteilung für Umwelt- und Erdwissenschaften brachte seine Glückwünsche per Video-Botschaft nach Dessau. Mittelelbe sei ein Reservat der 1. Generation, alt und jung zugleich, weil es sich in den 30 Jahren erneuert, ja modernisiert habe. "Ich hoffe, dass andere Reservate in Europa und der Welt von diesem Modell lernen können."
Um dem Biosphärenreservat Mittelelbe die vielleicht drohende Midlife-Crisis zu ersparen, war es an Gertrud Sahler, die Vorsitzende des Nationalkomitees, das die Entwicklung der Biosphärenreservate überwacht, in die Festtagsstimmung im Bauhaus ein paar kritische Töne zu mischen. Die Kernzone des seit 2006 stolze 126 000 Hektar großen Biosphärenreservates sei noch nicht ausreichend. "Das Problem ist lösbar, weil die möglichen Flächen schon identifiziert sind", sagte Sahler, die sich zudem wünschte, dass das Biosphärenreservat in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg präsenter werde. "Es ist schließlich die einzige Landeshauptstadt Deutschlands, die in einem Reservat liegt." Holger Platz, ehemaliger Dessauer Bürgermeister und seit vielen Jahren Beigeordneter in Magdeburg, war Gast im Dessauer Bauhaus - und hörte aufmerksam zu.
Es blieben nicht die einzigen Wünsche. Ministerpräsident Böhmer warb dafür, "das Gleichgewicht zwischen ökologischer Sanierung und Landschaftspflege auf der einen Seite und begrenzt notwendigen wirtschaftlichen Nutzung des Reservates, aber auch der Elbe auf der anderen Seite immer wieder neu zu finden".
Schwieriger Prozess
Das sei ein schwieriger Prozess, wie auch Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister Klemens Koschig einräumte. Der forderte "das eine zu tun, ohne das andere zu lassen". Beide sprachen damit den ewigen Streit um Ausbau oder Reparatur der Elbe an, der langsam vom Thema Sol-Erosion abgelöst wird, weil der Fluss sich immer tiefer eingräbt, womit der Wasserspiegel sinkt und die Flussauen auszutrocknen drohen. Es ist eine Gefahr für das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, das seit 1998 zum Biosphärenreservat gehört. Konzepte zum Gegensteuern liegen vor. Mit dem Fluss zu arbeiten, scheint notwendig. Koschig machte sich für eine zügigere Umsetzung stark |