aktualisiert am Dienstag, 17 November, 2009

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16.10.2009 | Süddeutsche Zeitung | VARINIA BERNAU

Ebbe auf der Elbe

Der Klimawandel wird Streit um Flusswasser in Europa verschärfen

Der Zukunftsentwurf von Wolfram Mauser ist ein Flickenteppich. Er reicht vom Bayerischen Wald bis zur Schwäbischen Alb und hinunter an den Inn. Es ist das Gebiet der oberen Donau. Wenn Mauser, Geograph von der Universität München, an seinem Computer die Zukunft simuliert, verändern sich die Farben. Zunächst bleibt der Teppich noch dunkelblau, keiner der 2000 kommunalen Wasserversorger, für die die Flecken stehen, bekommt Probleme. Doch je näher Mauser demJahr 2060 kommt, desto mehr Flecken werden hellblau, gelb und schließlich auch orange. Von Stufe Gelb an müssen die Wasserwerker tiefer bohren, bei der höchsten Alarmstufe, der Farbe Rot, müssten sie die Wasserhähne zudrehen. Aber rote Flecken gibt es in Wolfram Mausers Zukunft nicht.

Das könnte den Geographen beruhigen, tut es aber nicht. Konflikte um das Wasser werden auch den Anrainern der Donau nicht erspart, schon deswegen, weil in benachbarten Regionen der Mangel ausbricht. Im Bayerischen Umweltministerium haben schon Investoren für Wasserleitungen über die Alpen vorgesprochen. Weltweit wird der Klimawandel die Flüsse verändern; Bewohner von Ober- und Unterläufen könnten in Konflikte geraten, wer wie viel Wasser nutzen darf. An der Elbe muss womöglich die Schifffahrt teilweise eingestellt werden, die Reeder könnten dann Streit mit Bauern oder Städtern bekommen. Wie sich solche Konflikte innerhalb der Europäischen Union entschärfen lassen, haben in Potsdam in dieser Woche mehr als 300 Wissenschaftler, Naturschützer und Verwaltungsmitarbeiter diskutiert.

Am Anfang stehen verlässliche Prognosen, darum ist Wolfgang Mauser mit seinem Simulator nach Potsdam gekommen. Seit neun Jahren untersucht er im Rahmen des sogenannten Glowa-Projekts (für „Globaler Wandel“) Niederschlag und Verdunstung sowie die Bedürfnisse von Pflanzen, Menschen und Wirtschaft an der oberen Donau. Allerdings
warnt er, sich nach dem Blick in die Zukunft zurückzulehnen: „Mitteleuropa liegt zwischen zwei Klimazonen, deshalb sind die Zukunftprognosen weniger verlässlich als in anderen Regionen.“

Selbst wenn seine Prognosen zutreffen, könnte es Konflikte um das Donauwasser geben. Auf seinen Folien weist ein roter Pfeil von der Donau in die Poebene. „Dort gibt es sehr fruchtbare Böden, aber zu wenig Wasser“, sagt Mauser. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis italienische Bauern Ansprüche an Deutschland richteten. „Dann werden sich rumänische Bauern an der unteren Donau melden und auf ihre fruchtbaren Böden verweisen.“ Und die Energieunternehmen in Österreich könnten darauf pochen, weiterhin zwei Drittel ihres Stroms mit Wasserkraft zu erzeugen, obwohl die Niederschläge in den Alpen sinken.

Fritz Holzwarth vom Bundesumweltministerium weiß bereits, was sein Standpunkt sein wird, wenn Forderungen aus Italien kommen: „Die südlichen Länder müssen ihre Hausaufgaben machen und dürfen nicht den Klimawandel als Entschuldigung für schlechtes Wassermanagement hernehmen.“ Planungen zu transnationalen Wasserleitungen förderten eher die Verschwendung als die Suche nach Einsparmöglichkeiten. Vor zwei Jahren zeigte eine EU-Studie, dass 20 bis 50 Prozent des verfügbaren Wassers in Europa vergeudet werden.

Mit dem Abzweigen von Wasser aus der Donau haben die Behörden sogar schon Erfahrung gesammelt. Bei hohem Pegelstand fließt es über den Rhein-Main-Donau-Kanal ab. Das Beispiel zeigt, wie gering der Spielraum ist. „SeitEröffnung des Kanals wurde die Wassermenge des Tegernsees abgeleitet, damit lassen sich keine strukturellen Probleme lösen“, sagt Martin Grambow vom Bayerischen Umweltministerium.

In einem anderen Fluss in Europa sind die von Forschern entworfenen Szenarien bereits Realität: Im vergangenen September stand die Elbe in Dresden so niedrig, dass man fast hindurchwaten konnte. „Wenn die Temperatur bis zur Mitte des Jahrhunderts um zwei bis drei Grad Celsius ansteigt, wird sich der Wasserhaushalt noch einmal ändern“, sagt Frank Wechsung vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der im Rahmen seines Glowa-Projekts die Elbe studiert. „Phasen von Niedrigwasser treten früher in der Saison ein und halten länger an. Die Pegel unterschreiten das bisherige Niveau häufiger.“

In der Folge schwinden auch die Grundwasservorräte. Die Landwirtschaft im Elbgebiet wird dies, so Wechsungs Schätzung, bis Mitte des Jahrhunderts kaum zu spüren bekommen. Nur wenigen Feldfrüchten, etwa dem Silomais, drohten Ertragseinbußen. „Die meisten Kulturen sind robuster: Die werden im Herbst gesät und im Sommer geerntet, sodass sie die Winterfeuchtigkeit nutzen können.“

Aber die Reeder schicken schon jetzt weniger Frachter über die Elbe. „Von der Schifffahrt in Sommermonaten können wir uns bis 2050 verabschieden“, sagt Wechsung. Wie schwer sich Politiker tun, dies zu berücksichtigen, zeigt der Hafen im brandenburgischen Wittenberge. Er wird derzeit mit 4,3 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II ausgebaut – obwohl Experten zweifeln, dass die nötige Fahrrinne von 1,60 Meter überhaupt zu erreichen ist. „Die Bundesregierung legt für ihre Berechnungen Wassermengen aus dem vergangenen Jahrhundert zugrunde. Das ist absurd“, sagt Ernst Paul Dörfler vom Bund für Umwelt und Naturschutz.

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