16.10.2009 | Süddeutsche Zeitung | VARINIA BERNAU
Der Klimawandel wird Streit um Flusswasser in Europa verschärfen
Der Zukunftsentwurf von Wolfram Mauser ist ein Flickenteppich. Er reicht
vom Bayerischen Wald bis zur Schwäbischen
Alb und hinunter an den Inn. Es ist
das Gebiet der oberen Donau. Wenn Mauser,
Geograph von der Universität München,
an seinem Computer die Zukunft simuliert,
verändern sich die Farben. Zunächst
bleibt der Teppich noch dunkelblau,
keiner der 2000 kommunalen Wasserversorger,
für die die Flecken stehen,
bekommt Probleme. Doch je näher Mauser
demJahr 2060 kommt, desto mehr Flecken
werden hellblau, gelb und schließlich
auch orange. Von Stufe Gelb an müssen
die Wasserwerker tiefer bohren, bei
der höchsten Alarmstufe, der Farbe Rot,
müssten sie die Wasserhähne zudrehen.
Aber rote Flecken gibt es in Wolfram
Mausers Zukunft nicht.
Das könnte den Geographen beruhigen,
tut es aber nicht. Konflikte um das
Wasser werden auch den Anrainern der
Donau nicht erspart, schon deswegen,
weil in benachbarten Regionen der Mangel
ausbricht. Im Bayerischen Umweltministerium
haben schon Investoren für
Wasserleitungen über die Alpen vorgesprochen.
Weltweit wird der Klimawandel
die Flüsse verändern; Bewohner von
Ober- und Unterläufen könnten in Konflikte
geraten, wer wie viel Wasser nutzen
darf. An der Elbe muss womöglich
die Schifffahrt teilweise eingestellt werden,
die Reeder könnten dann Streit mit
Bauern oder Städtern bekommen. Wie
sich solche Konflikte innerhalb der Europäischen
Union entschärfen lassen, haben
in Potsdam in dieser Woche mehr als
300 Wissenschaftler, Naturschützer und
Verwaltungsmitarbeiter diskutiert.
Am Anfang stehen verlässliche Prognosen,
darum ist Wolfgang Mauser mit seinem
Simulator nach Potsdam gekommen. Seit neun Jahren untersucht er im
Rahmen des sogenannten Glowa-Projekts
(für „Globaler Wandel“) Niederschlag
und Verdunstung sowie die Bedürfnisse von Pflanzen, Menschen und Wirtschaft an der oberen Donau. Allerdings
warnt er, sich nach dem Blick in
die Zukunft zurückzulehnen: „Mitteleuropa
liegt zwischen zwei Klimazonen,
deshalb sind die Zukunftprognosen weniger
verlässlich als in anderen Regionen.“
Selbst wenn seine Prognosen zutreffen,
könnte es Konflikte um das Donauwasser
geben. Auf seinen Folien weist
ein roter Pfeil von der Donau in die Poebene. „Dort gibt es sehr fruchtbare Böden,
aber zu wenig Wasser“, sagt Mauser.
Es sei nur eine Frage der Zeit, bis italienische
Bauern Ansprüche an Deutschland
richteten. „Dann werden sich rumänische
Bauern an der unteren Donau melden
und auf ihre fruchtbaren Böden verweisen.“ Und die Energieunternehmen
in Österreich könnten darauf pochen, weiterhin zwei Drittel ihres Stroms mit
Wasserkraft zu erzeugen, obwohl die Niederschläge
in den Alpen sinken.
Fritz Holzwarth vom Bundesumweltministerium
weiß bereits, was sein Standpunkt
sein wird, wenn Forderungen aus
Italien kommen: „Die südlichen Länder
müssen ihre Hausaufgaben machen und
dürfen nicht den Klimawandel als Entschuldigung
für schlechtes Wassermanagement
hernehmen.“ Planungen zu transnationalen
Wasserleitungen förderten
eher die Verschwendung als die Suche
nach Einsparmöglichkeiten. Vor zwei
Jahren zeigte eine EU-Studie, dass 20 bis
50 Prozent des verfügbaren Wassers in
Europa vergeudet werden.
Mit dem Abzweigen von Wasser aus
der Donau haben die Behörden sogar
schon Erfahrung gesammelt. Bei hohem
Pegelstand fließt es über den Rhein-Main-Donau-Kanal ab. Das Beispiel
zeigt, wie gering der Spielraum ist. „SeitEröffnung des Kanals wurde die Wassermenge
des Tegernsees abgeleitet, damit
lassen sich keine strukturellen Probleme
lösen“, sagt Martin Grambow vom Bayerischen
Umweltministerium.
In einem anderen Fluss in Europa sind
die von Forschern entworfenen Szenarien
bereits Realität: Im vergangenen
September stand die Elbe in Dresden so
niedrig, dass man fast hindurchwaten
konnte. „Wenn die Temperatur bis zur
Mitte des Jahrhunderts um zwei bis drei
Grad Celsius ansteigt, wird sich der Wasserhaushalt
noch einmal ändern“, sagt
Frank Wechsung vom Potsdam-Institut
für Klimafolgenforschung, der im Rahmen
seines Glowa-Projekts die Elbe studiert. „Phasen von Niedrigwasser treten
früher in der Saison ein und halten länger
an. Die Pegel unterschreiten das bisherige
Niveau häufiger.“
In der Folge schwinden auch die
Grundwasservorräte. Die Landwirtschaft
im Elbgebiet wird dies, so Wechsungs
Schätzung, bis Mitte des Jahrhunderts
kaum zu spüren bekommen. Nur
wenigen Feldfrüchten, etwa dem Silomais,
drohten Ertragseinbußen. „Die
meisten Kulturen sind robuster: Die werden
im Herbst gesät und im Sommer geerntet,
sodass sie die Winterfeuchtigkeit
nutzen können.“
Aber die Reeder schicken schon jetzt
weniger Frachter über die Elbe. „Von der
Schifffahrt in Sommermonaten können
wir uns bis 2050 verabschieden“, sagt
Wechsung. Wie schwer sich Politiker
tun, dies zu berücksichtigen, zeigt der Hafen
im brandenburgischen Wittenberge.
Er wird derzeit mit 4,3 Millionen Euro
aus dem Konjunkturpaket II ausgebaut – obwohl Experten zweifeln, dass die nötige
Fahrrinne von 1,60 Meter überhaupt
zu erreichen ist. „Die Bundesregierung
legt für ihre Berechnungen Wassermengen
aus dem vergangenen Jahrhundert
zugrunde. Das ist absurd“, sagt Ernst
Paul Dörfler vom Bund für Umwelt und
Naturschutz.
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