Mitteldeutsche Zeitung | 14.7.2009
BUND-Elbeprojekt hat Besuch aus den Donau-Auen und diskutiert über Möglichkeiten, der Erosion beizukommen.
VON SILVIA BÜRKMANN
dessau/mz - Träge schleppt die Elbe ihre Wassermassen stromab. Ein Meter dreißig über den Durchschnitt ist der Wasserstand geklettert. Das Sommerhochwasser wogt vorbei am Kornhaus. Neugierig beobachtet von Radlern und Ausflüglern, fachkundig beäugt von dem Trio, das sich über diverse Karten beugt. Christian Baumgartner ist vom Nationalpark Donau-Auen aus dem österreichischen Orth auf der Durchreise nach Berlin und trifft in Dessau-Roßlau auf zwei Frontleute vom Elbeprojekt im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Iris Brunar und Ernst-Paul Dörfler. „Im Nationalpark Donau-Auen bei Wien haben wir eine der Elbe in mancherlei Hinsicht sehr ähnliche Situation und vergleichbare Probleme", hatte der österreichische Wissenschaftler einen Gedankenaustausch angeregt.
Das Problem sei die Tiefenerosion und beträfe ausnahmslos alle Flüsse in Europa, in deren Lauf der Mensch für seine Zwecke regulierend eingreift. Seit der ersten Datenerhebung von 1888 hat sich zum Beispiel der Wasserspiegel der Elbe bei Pretzsch um rund 1,50 Meter tiefer ins Flussbett eingegraben. Der Prozess beschleunigt sich, weisen die BUND-Aktivisten auf die jüngsten Erhebungen hin: So habe in den acht Jahren zwischen den Messungen von 1996 und 2004 an der Mittelelbe die Erosion bis zu 30 Zentimeter betragen. Auch die Donau hatte vergleichbare Erosionsraten von einem bis 3,5 Zentimeter pro Jahr aufzuweisen. „Das ist in 100 Jahren über ein Meter und auf Dauer nicht zu akzeptieren", meint Baumgartner.
Und sieht „auf Dauer" ein Baumsterben. Sinkt mit dem Wasserspiegel des Flusses auch der Grundwasserspiegel, können die Wurzeln der typischen Feucht-Auenbäume das Wasser nicht mehr erreichen und weichen nach und nach aus dem Landschaftsbild.
„Das ist ein schleichender Prozess", warnt Christian Baumgartner und führt als Beispiel die Silberweide an, die in Konkurrenz mit trockeneren Baumarten aus der Landschaft weichen musste. Im Nationalpark Donau-Auen zwischen Wien und Bratislava gingen die Naturschützer daran, Seitenarme der Donau wieder komplett in den Strom einzubinden und Uferbefestigungen bis auf die tief gelegene Fußsicherung zurückzubauen. Dann gewinne der Fluss an Breite und senke seine Fließgeschwindigkeit von selbst.
Die Elbe hat Christian Baumgartner am gestrigen Montag zum ersten Mal „live" gesehen. Schön sei der Fluss, aber nach seinem Eindruck extrem überreguliert. Es werde Zeit, die Ansprüche zurückzuschrauben. „Man kann aus einem vergleichsweise kleinem Gewässer nicht die volle Wasserstraße herausquetschen." |