Mitteldeutscher Rundfunk – "exakt" | 16.09.2008 | von Frank Wolfgang Sonntag
(Manuskript des Beitrages)
Große Lastschiffe sollen in Halle an der Saale ankern und von dort weiter bis in die Elbe in Richtung Nordsee schippern. Dazu muss der Saale-Elbe-Kanal ausgebaut werden.
Das ist ein Kran. Seit acht Jahren steht er hier. Er ist da, um Schiffe zu entladen. Das macht er aber nicht. Obwohl er direkt am Hafen von Halle steht. Der Hafen aber ist kein richtiger Hafen. Er ist ein Denkmal der Geldverschwendung. Gebaut für 30 Millionen Euro. Der Kran steht still und schweigt. Ein richtiges Schiff hat er hier schon lange nicht mehr gesehen. Nur ein kleines Ausflugsboot liegt im riesigen Hafen.
O-Ton: Rüdiger Ruwolt, Floßstation Halle-Trotha
Frage: "Haben Sie hier schon mal ein Schiff gesehen?"
"Ja, ich habe im Hafen schon ein Schiff gesehen. Wenn ich drüber nachdenke, im letzten Jahr, im Herbst. Ich denke, es war ein Vermessungsschiff vom Amt, kein Lastkahn. Und hin und wieder liegt die Fahrgastschifffahrt der Stadtwerke neben uns, das Schiff "Die "Rabeninsel". Ansonsten - nein."
Im Jahre 2000 wurde der neue Hafen eröffnet. Etwa 20 Schiffe kamen damals im Jahr. In den letzten beiden Jahren hat hier aber gar kein Schiff mehr angelegt. Endlos ziehen sich die leeren Kaimauern hin. Sinnlos verbaute Steuermillionen auf 750 Metern Länge
O-Ton: Dirk Lindemann, Geschäftsführer Hafen Halle
"Wir haben Liegeplätze sowohl auf der Seite als auch auf der Seite für rund zwölf Schiffe."
Frage: "Gleichzeitig?"
"Es könnten gleichzeitig zwölf Schiffe hier anlegen. Natürlich nicht gleichzeitig ent- oder beladen werden, das ist klar."
Zur Krönung des Wahnsinns wurde gleich um die Ecke noch ein weiterer Kai angelegt, für den Fall, dass sich mehr als zwölf Schiffe gleichzeitig im Hafen stauen sollten. Ja, so weitsichtig ist die Politik. Nun wird mit allen Mitteln versucht, die Fehlplanung zu verdecken. Am ausbleibenden Schiffsverkehr sei ein kleines Stück der Saale 70 Kilometer stromab bei Calbe schuld. Hier gäbe es meist zu wenig Wasser für die schweren Lastkähne.
O-Ton: Dr. Ernst Paul Dörfler, Gewässerexperte BUND
"Heute rechnen sich nur Europaschiffe mit über 1.000 Tonnen Ladung und die haben Schwierigkeiten auf der Saale, weil die Saale sehr kurvenreich ist und weil die Saale einen felsigen Untergrund hat. Vor allem bei Niedrigwasser wird das zum Problem."
Deshalb soll hier ein acht Kilometer langer und 50 Meter breiter Kanal in die Landschaft gegraben werden, um das schwierige Saalestück zu umgehen. Die Kosten dafür sind schon während der Planungsphase von 80 auf 100 Millionen Euro gestiegen.
Doch Schiffe mit 1.000 Tonnen Ladung brauchen 2,30 Meter Wassertiefe. Die hätten sie zwar im geplanten Saalekanal, aber der würde zur Sackgasse, weil die sich anschließende Elbe viel zu selten tief genug ist für die 1.000-Tonnen-Schiffe und deshalb schon heute kaum benutzt wird.
O-Ton: Dr. Ernst Paul Dörfler, Gewässerexperte BUND
"Dort drüben liegt Barby an der Elbe, dort ist auch der größte Getreideverarbeiter Europas. Es wird viel Getreide transportiert, aber kein Getreide über die Elbe. Die Elbe hat sehr häufig Niedrigwasser. Im Sommer, im Herbst, auch heute hat sie wieder Niedrigwasser und sie lässt den Transport von Massengütern nicht zu. Der Bau eines Saale-Elbe-Kanals wird daran nichts ändern."
Trotzdem geht ein Wirtschaftlichkeitsgutachten des Essener Planungsbüros Planco davon aus, dass aus einem Euro an Kosten für den Saalekanal später ein Nutzen von 2,30 Euro gezogen wird. Doch eine neue Studie der Universität Halle kommt zu einem ganz anderen Ergebnis.
O-Ton: Professor Dr. Hans-Ulrich Zabel, Universität Halle-Wittenberg
"Der Ausgabe von einem Euro steht maximal ein Nutzen von 70 Cent gegenüber. Das ist aber schon sehr hoch gerechnet. Das ist die optimistische Annahme für den Fall, dass die Elbe einigermaßen beschiffbar ist. Da das nicht der Fall ist, muss man davon ausgehen, dass der Nutzen weit geringer sein wird. Es wird kaum ein Schiff fahren können und insofern ist davon auszugehen, dass sich der Saalekanal nicht rechnet."
Im Verkehrsministerium von Sachsen-Anhalt befürwortet man den Kanal weiterhin. Auf die Details der unterschiedlichen Gutachten will man sich nicht einlassen und verweist auf das laufende Prüfverfahren. Gewisse Risiken bei der Wassertiefe würde man in Kauf nehmen
O-Ton: Dr. Karl-Heinz Daehre, CDU, Verkehrsminister Sachsen-Anhalt
"Wenn wir einen Sommer haben, wo die Trockenheit so groß ist, dass in der Elbe wenig Wasser ist, da können wir nicht fahren. Ähnlich wie wir auch im Winter nicht fahren können, wenn wir mal wieder einen strengen Frost kriegen und die Elbe und die Saale sind zugefroren. Deshalb werden Sie auch nie von mir hören, dass ich von einer Ganzjährigkeit spreche. Aber wenn es uns nur gelingt, über mehrere Monate Verkehre von Massengütern auf die Flüsse zu verlagern, dann haben wir schon unheimlich viel auch für die Umwelt getan."
Doch rechnen würde sich der Kanal damit kaum. Und ist es dem Steuerzahler wirklich zuzumuten, wenn zum Hafen ohne Schiffe nun auch noch ein Kanal mit wenig Verkehr kommt? Noch ist es nicht zu spät, das Projekt zu stoppen.
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