FAZ | 11.08.2008
Bedrohliche Ausbaupläne
Von Regina Mönch
Es wird viel geredet über das Weltkulturerbe und was es
uns allen bedeutet. Aus dem Dresdner Fall, der umstrittenen
Waldschlösschenbrücke, hätten alle lernen können. Eine Lehre wäre,
sofort Einwände zu erheben, wenn wieder Ungemach droht, also vor dem
Schaden klug sein. Das ist im jüngsten Fall, leider folgenlos,
geschehen: Die ersten Klagen und wohlbegründeten Proteste gegen den
Ausbau der Havel zu einem mächtigen Strom, dem dann nicht nur die Biber
und Reiher und lieblichen Havelufer zum Opfer fallen würden, sondern
Weltkulturerbe, preußische Parks, Kirchen und Schlösser – vom Titel ganz
zu schweigen –, diese ersten Einwände gab es schon 1992.
Damals war der Plan, aus der Havel und angrenzenden Kanälen eine
gewaltige Wasserstraßenautobahn (F.A.Z. vom 2. und 21. Juni 2008) zu
machen, von einer Mehrheit, von Naturschützern genauso wie von
Kunstschützern und Anwohnern, abgelehnt worden. Mit wenigen Ausnahmen:
die Landesregierung Brandenburg und die zuständige
Schifffahrtsdirektion. An die gigantischen Zuwächse für die
Transportwirtschaft mag im vorigen Jahrhundert, als so manche
Aufbau-Ost-Milliarde versenkt worden ist für den Traum vom zweiten
Wirtschaftswunder, noch mancher geglaubt haben. Aber auch diese
Erwartungen sind längst nach unten korrigiert worden. Wer also braucht
diese ausgebaggerte Havel inklusive angrenzender Seen und Kanäle?
Offenbar nur die um ihre Bedeutung immer noch ringende Wasser- und
Schifffahrtsdirektion Ost in Magdeburg.
Das Ende der Idylle
Sie hat mit der von ihr jetzt erteilten Genehmigung für den Teilausbau
am Sacrow-Paretzer Kanal eine neue, noch anschwellende Protestwelle
erzeugt. Und es wäre wunderbar, wenn in diesem Falle auch die obersten
Buchhalter der Nation, der Bundesrechnungshof und die Rechnungshöfe der
beteiligten Länder, vorher durchrechnen würden, warum es nicht lohnt,
wieder einmal viel Geld im Havelsande zu versenken. Das
Bundesverkehrsministerium verteidigt das Projekt natürlich, verweist auf
die lange Geschichte des „Havelausbaus“: Seit dem 13. Jahrhundert schon
sei der „natürlich fließende Fluss“ immer wieder umgewandelt worden.
Aber eben nicht nur der Fluss.
An seinen Ufern, etwa zwischen Pfaueninsel und Caputh, entstanden die
weltberühmten Landschaftsgärten von Peter Joseph Lenné. Die schöne
Heilandskirche von Sacrow, Mitte des 19. Jahrhunderts von Ludwig Persius
erbaut, steht an ihrem Ufer. Ein elegantes Kirchenschiff, dessen
hölzerne Fundamente, aber nicht nur sie, bedroht sein dürften, wenn
durch den heute noch sanft dahinplätschernden Fluss einst tatsächlich
185 Meter lange Containerschiffe stampfen würden. Allerdings wird zur
Beschwichtigung aufgeregter Kunst- und Naturschützer immer wieder
gesagt, es käme doch nur ein solches Ungetüm pro Woche. Der ästhetische
Genuss, in dieser elysischen Landschaft zu verweilen, er wäre trotzdem
dahin. Absurd, wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, das
Wasserwerk in Babelsberg (ebenfalls von Persius erbaut) und die
herrliche Kirche zu sanieren.
Die Kirche vor allem, sie war nach dem Mauerbau plötzlich zu einem
Grenzturm degradiert; die Weltengrenze zwischen Ost und West verlief über ihr Gelände. Ihr Innenraum wurde zerstört, den äußeren Verfall
konnte man vom West-Berliner Ufer verfolgen. Mitte der achtziger Jahre
erreichte eine Initiative, die der damalige Regierende Bürgermeister von
Berlin, Richard von Weizsäcker, ins Leben rief, dass die ruinierte
Kostbarkeit wenigstens äußerlich repariert wurde. Doch erst vor dreizehn
Jahren konnte sie, nun als bedeutendes Denkmal restauriert, wieder der Öffentlichkeit übergeben werden.
Noch ist nichts entschieden
Eine Gruppe von Kunsthistorikern prüft zurzeit für die internationale Denkmalschutzbehörde Icomos, wie groß die Gefahr für die kunstvolle
Lanschaft und ihre Bauten ist. Michael Seiler, ehemaliger Gartendirektor
der preußischen Schlösserstiftung, gehört dazu, er hat in dieser Zeitung
bereits Alarm geschlagen. Meldungen, wonach das Unesco-Welterbe-Komitee
bereits erste Schritte prüfe, die Schifffahrtsbeamten, Potsdam und die
brandenburgische Landesregierung zu verwarnen, sind wohl übertrieben.
Icomos hat aus dem Dresdner Fall insofern gelernt, dass es auf den
richtigen Zeitpunkt ankommt. Und noch sei Zeit, zu verhandeln und den
Schaden, der für Dresden nun unabwendbar scheint, im Havelland
abzuwenden. Michael Petzet, Präsident des Deutschen Nationalkomitees von
Icomos, sagt: „Ich halte es für verfehlt, bei jeder Gelegenheit eine
drohende Streichung von der Liste des Weltkulturerbes anzukündigen.“
Auch über das Ausmaß der Havelverwandlung in einen großen Strom ist noch
nicht endgültig entschieden; noch gräbt keine Baggerschaufel zwischen
Paretz, Ketzin und Potsdam. Nicht einmal am Sacrow-Paretzer Kanal. Doch
steht das sogenannte Planfeststellungsverfahren kurz vor dem Abschluss,
hat das Bundesverkehrsministerium verkündet. Das heißt klipp und klar:
In allen vom Kanalausbau betroffenen Gemeinden werden diese Pläne jetzt
ausgelegt. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, vorerst noch
nicht betroffen, lässt die Pläne von ihren Juristen ebenfalls prüfen.
Kritische Bedenken, sagt Stiftungssprecher Henze, werde man öffentlich
machen. Das ist auch die Chance der betroffenen Kanalgemeinden: Sie sind
aufgerufen, Einwände zu formulieren. Wer nicht einverstanden ist, kann
vor Gericht weiterstreiten.
…zurück zur Übersicht |