aktualisiert am Mittwoch, 3 September, 2008

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FAZ | 11.08.2008

Bedrohliche Ausbaupläne

Flutalarm im Havelland, das Welterbe sinkt

Von Regina Mönch

Es wird viel geredet über das Weltkulturerbe und was es uns allen bedeutet. Aus dem Dresdner Fall, der umstrittenen Waldschlösschenbrücke, hätten alle lernen können. Eine Lehre wäre, sofort Einwände zu erheben, wenn wieder Ungemach droht, also vor dem Schaden klug sein. Das ist im jüngsten Fall, leider folgenlos, geschehen: Die ersten Klagen und wohlbegründeten Proteste gegen den Ausbau der Havel zu einem mächtigen Strom, dem dann nicht nur die Biber und Reiher und lieblichen Havelufer zum Opfer fallen würden, sondern Weltkulturerbe, preußische Parks, Kirchen und Schlösser – vom Titel ganz zu schweigen –, diese ersten Einwände gab es schon 1992.

Damals war der Plan, aus der Havel und angrenzenden Kanälen eine gewaltige Wasserstraßenautobahn (F.A.Z. vom 2. und 21. Juni 2008) zu machen, von einer Mehrheit, von Naturschützern genauso wie von Kunstschützern und Anwohnern, abgelehnt worden. Mit wenigen Ausnahmen: die Landesregierung Brandenburg und die zuständige
Schifffahrtsdirektion. An die gigantischen Zuwächse für die Transportwirtschaft mag im vorigen Jahrhundert, als so manche Aufbau-Ost-Milliarde versenkt worden ist für den Traum vom zweiten Wirtschaftswunder, noch mancher geglaubt haben. Aber auch diese
Erwartungen sind längst nach unten korrigiert worden. Wer also braucht diese ausgebaggerte Havel inklusive angrenzender Seen und Kanäle? Offenbar nur die um ihre Bedeutung immer noch ringende Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost in Magdeburg.

Das Ende der Idylle

Sie hat mit der von ihr jetzt erteilten Genehmigung für den Teilausbau am Sacrow-Paretzer Kanal eine neue, noch anschwellende Protestwelle erzeugt. Und es wäre wunderbar, wenn in diesem Falle auch die obersten Buchhalter der Nation, der Bundesrechnungshof und die Rechnungshöfe der beteiligten Länder, vorher durchrechnen würden, warum es nicht lohnt, wieder einmal viel Geld im Havelsande zu versenken. Das Bundesverkehrsministerium verteidigt das Projekt natürlich, verweist auf die lange Geschichte des „Havelausbaus“: Seit dem 13. Jahrhundert schon sei der „natürlich fließende Fluss“ immer wieder umgewandelt worden. Aber eben nicht nur der Fluss.

An seinen Ufern, etwa zwischen Pfaueninsel und Caputh, entstanden die weltberühmten Landschaftsgärten von Peter Joseph Lenné. Die schöne Heilandskirche von Sacrow, Mitte des 19. Jahrhunderts von Ludwig Persius erbaut, steht an ihrem Ufer. Ein elegantes Kirchenschiff, dessen hölzerne Fundamente, aber nicht nur sie, bedroht sein dürften, wenn durch den heute noch sanft dahinplätschernden Fluss einst tatsächlich 185 Meter lange Containerschiffe stampfen würden. Allerdings wird zur Beschwichtigung aufgeregter Kunst- und Naturschützer immer wieder gesagt, es käme doch nur ein solches Ungetüm pro Woche. Der ästhetische Genuss, in dieser elysischen Landschaft zu verweilen, er wäre trotzdem dahin. Absurd, wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, das Wasserwerk in Babelsberg (ebenfalls von Persius erbaut) und die herrliche Kirche zu sanieren.

Die Kirche vor allem, sie war nach dem Mauerbau plötzlich zu einem Grenzturm degradiert; die Weltengrenze zwischen Ost und West verlief über ihr Gelände. Ihr Innenraum wurde zerstört, den äußeren Verfall konnte man vom West-Berliner Ufer verfolgen. Mitte der achtziger Jahre erreichte eine Initiative, die der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker, ins Leben rief, dass die ruinierte Kostbarkeit wenigstens äußerlich repariert wurde. Doch erst vor dreizehn Jahren konnte sie, nun als bedeutendes Denkmal restauriert, wieder der Öffentlichkeit übergeben werden.

Noch ist nichts entschieden

Eine Gruppe von Kunsthistorikern prüft zurzeit für die internationale Denkmalschutzbehörde Icomos, wie groß die Gefahr für die kunstvolle Lanschaft und ihre Bauten ist. Michael Seiler, ehemaliger Gartendirektor der preußischen Schlösserstiftung, gehört dazu, er hat in dieser Zeitung bereits Alarm geschlagen. Meldungen, wonach das Unesco-Welterbe-Komitee bereits erste Schritte prüfe, die Schifffahrtsbeamten, Potsdam und die brandenburgische Landesregierung zu verwarnen, sind wohl übertrieben. Icomos hat aus dem Dresdner Fall insofern gelernt, dass es auf den richtigen Zeitpunkt ankommt. Und noch sei Zeit, zu verhandeln und den Schaden, der für Dresden nun unabwendbar scheint, im Havelland abzuwenden. Michael Petzet, Präsident des Deutschen Nationalkomitees von Icomos, sagt: „Ich halte es für verfehlt, bei jeder Gelegenheit eine drohende Streichung von der Liste des Weltkulturerbes anzukündigen.“

Auch über das Ausmaß der Havelverwandlung in einen großen Strom ist noch nicht endgültig entschieden; noch gräbt keine Baggerschaufel zwischen Paretz, Ketzin und Potsdam. Nicht einmal am Sacrow-Paretzer Kanal. Doch steht das sogenannte Planfeststellungsverfahren kurz vor dem Abschluss, hat das Bundesverkehrsministerium verkündet. Das heißt klipp und klar: In allen vom Kanalausbau betroffenen Gemeinden werden diese Pläne jetzt ausgelegt. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, vorerst noch nicht betroffen, lässt die Pläne von ihren Juristen ebenfalls prüfen. Kritische Bedenken, sagt Stiftungssprecher Henze, werde man öffentlich machen. Das ist auch die Chance der betroffenen Kanalgemeinden: Sie sind aufgerufen, Einwände zu formulieren. Wer nicht einverstanden ist, kann vor Gericht weiterstreiten.

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